Magazin
der VVN-BdA
für
antifaschistische
Politik und Kultur
antifa 3-4/2007, Seite 28
Kultur

Kein schlechter Anfang

Dr. Seltsam besuchte für uns die Berlinale

Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren

Originaltitel: O Ano em que Meus Pais Saíram de Férias

Produktionsland: Brasilien

Erscheinungsjahr: 2006

Länge (PAL-DVD): 104 Minuten

Originalsprache: portugiesisch, jiddisch

Selten hatte das Berliner Filmfest solch viel versprechenden Anfang. Die Filme der ersten beiden Tage beschäftigten sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Faschismus. Durch diese kleine Überforderung bekam man einen Begriff davon, wie vielfältig und interessant die Medienwelt unter dem Diktat eines »verordneten Antifaschismus« sein könnte oder wie angenehm, falls Antifaschismus eine selbstverständliche Grundhaltung von Medienschaffenden wäre.

Edith Piaf war nicht nur eine wunderbare Schnulzensängerin und Chansonnette, sondern hielt auch unter dem Einfluss ihrer Freundin Marlene Dietrich Kontakt zur Résistance. Genauso wenig wie Picasso in Paris unter deutscher Besatzung verboten war, wurden auch die populären Piaf-Konzerte von der Gestapo geduldet. Sie wurde sogar gefragt, ob sie für die Bewacher in einem Gefangenenlager singen würde. Die Piaf entsprach diesem wahrhaft unsittlichen Antrag, brachte aber ihren Fotografen mit, der viele deutliche Fotos von den Gefangenengesichtern machte.

Die nutzten Angehörige der Résistance dann für falsche Ausweise, die den Genossen zur Flucht verhalfen. Eine Heldentat, für die sich ein Deutscher in den Himmel loben würde, in Frankreich erschien sie so klein und normal, dass die Piaf sie später nicht einmal einer Erwähnung für wert befand. So taucht diese bemerkenswerte Szene in dem Eröffnungsfilm »La Mome« oder »La vie en rose« von Olivier Dahan mit der kongenialen Sängerin Marion Cotillard und Gerard Depardieu auch gar nicht auf. Wir aber wissen davon und sehen diesen tränenseligen Musikfilm daher mit ganz anderen Augen.

Dann die Überraschung! Ich hasse Fußballfilme, dieses blöde Hinterherlaufen hinter dem Lederbalg, nur um der eigenen Nation Lustschreie zu entlocken, ist für mich gerade nach den beiden deutschen Versionen Bern 1954 und Sönke Wortmanns WM-Film eine Vorstufe rassistischer Hetze. Das widerliche Fahnenschwenken gar ein Rückfall in grinsende Barbarei. Aber dann im Gegenteil dieser Film: »o ano em que meus pais sairam de ferias«, zu deutsch: »Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub« waren von Cao Hamburger aus Brasilien. Der Film schildert aus der Sicht eines neunjährigen Jungen, der natürlich nichts als Fußball im Kopf hat und Torwart werden will, den Faschismus unter der brasilianischen Militärdiktatur im Jahre 1970, als Brasilien mit Pelé in Mexiko Fußballweltmeister wurde.

Die Eltern des Jungen sind Kommunisten im Widerstand und müssen sich verstecken. Das mussten viele Eltern damals und der Euphemismus, mit dem man die Kinder zu beruhigen versuchte, hieß: Die Eltern sind in Ferien. Er kommt zu seinem Großvater inmitten der Tausende von deutschen Emigranten umfassenden jüdischen Gemeinde in Sao Paolo, wo es ebenfalls zum guten Ton gehört und ganz selbstverständlich ist, gegen den deutschen Faschismus Widerstand geleistet zu haben. So wie man jetzt auch Solidarität mit den kommunistischen Studenten übt, wenn sie von der Polizei mit Pferden niedergeritten oder gefoltert werden. Neben vielem anderen ist dies das Angenehme dieses Films: Die Selbstverständlichkeit, mit der man als anständiger Mensch Antifaschist ist, eine wohltuende Grundhaltung nach den ganzen Problemfilmen des Deutschen Fernsehens, in denen die Protagonistinnen lange moralische Kämpfe führen, ob sie nun dem »Dämon Hitler« erliegen sollen oder nicht.

Hinreißende Szene, wie die alten Juden auf jiddisch über Pelé debattieren und ihrer neuen Heimat Brasilien die Daumen drücken. Im Unterschied zu den aufwändigen Rekonstruktionen der deutschen Fußballfilme sind die Sportszenen ganz einfach als Fernsehbild eingebaut und dennoch aufregend, nämlich durch die Zuschauerreaktion.

Das erste Spiel der Brasilianer geht gegen die CSSR und das erste Tor fällt für den Osten: Ein kommunistischer Student ist in der Kneipenrunde der einzige, der sich linientreu freut: Hurra, ein Sieg für den Sozialismus! Aber als dann Pelé trifft, verwandelt er sich in den wildesten Brasilienfan von allen. Das ist herzerfrischend undogmatisch und lebensecht. Und am Ende rettet er sich vor der Polizei. Ein schöner Film, besonders wegen der sympatischen Darstellung der jüdischen Menschen und von daher in jeder Hinsicht geeignet für die politische Arbeit unter Sportlern und nationalen Fußballfans, von deren Rassismus und Antisemitismus man immer hören und lesen muss.

Dagegen kann man den »semi-offiziellen« Antifafilm des Festivals, »The good German« mit George Clooney und Cate Blanchett vergessen. Er war gedacht als ein technisch brillantes Remake von »Casablanca«, doch statt seiner sollte man sich lieber zum fünfzigsten Mal das unvergleichliche Original ansehen. Leider wird genau dieser Film mit großem Brimborium in die Kinos kommen und, genau wie jetzt die Oscar prämierte lächerliche Stasilegende »Das Leben der Anderen«, unverdiente Medienaufmerksamkeit erhalten. Wir sollten dagegen den Sachsenhausenfilm »Die Fälscher« so offensiv wie möglich propagieren. Ein großartiger Antinazifim, über den ich in der nächsten Ausgabe berichten werde.

Dr. Seltsam

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