60 Jahre Revanchismus

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geschrieben von Axel Holz

Sept.-Okt. 2010

Vor 60 Jahren wurde die »Charta der Vertriebenen« verabschiedet, ein strategisches Papier der westdeutschen Vertriebenenverbände. Erika Steinbach würdigt in diesem Zusammenhang den Verzicht auf »Rache und Vergeltung« der im zweiten »Weltkrieg am schwersten Betroffenen«. Hier sind nicht etwa die Millionen Eingekerkerten und Mordopfer der Nazis gemeint, sondern diejenigen, die Vertreibung, Zwangsarbeit und Völkermord mindestens zusahen und anschließend nach den Beschlüssen der Alliierten in Jalta selbst zu Vertreibungsopfern wurden. Doch für die geschichtlichen Umstände dieser Entwicklung hat sich der Bund der Vertriebenen nie interessiert. Den Rassenvernichtungskrieg der Wehrmacht gegen die Bevölkerung Osteuropas und den Holocaust hat er verschwiegen oder verharmlost. Noch bis in die neunziger Jahre stellte Vertriebenen-Vorsitzende Erika Steinbach die Ergebnisse des zweiten Weltkrieges wiederholt in Frage – trotz 2+4-Vertrag und völkerrechtlicher Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Einigungsvertrag.

Ebenso kein Thema für Steinbach und die Charta-Würdiger war die Nazivergangenheit vieler ihrer Unterzeichner. Zum Autorenkreis der Charta gehörte der Sprecher der Buchenlanddeutschen Landsmannschaft, SS-Mann Rudolf Wagner. Wagner hatte als SD-Beauftragter der Einsatzgruppe »Serbien« an der Ermordung von Juden mitgewirkt. Mitunterzeichner war auch SS-Mitglied Axel de Vries, der als »Sonderführer« bei der Partisanenbekämpfung in Weisrussland tätig und mindestens an einer Judenvernichtungsaktion beteiligt war. Ohnehin scheint das Interesse des Bundes der Vertriebenen an der Durchsetzung seiner Führung mit Nazi-Funktionären nur gering zu sein. Erst kürzlich erhoben Vertreter von SPD und Grünen Revanchistenvorwürfe gegen die stellvertretenden Mitglieder im Stiftungsrat »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« Saenger und Tölg. Bereits zu Jahresbeginn berichtete der »Spiegel« über eine geschönte Studie des Instituts für Zeitgeschichte zur braunen Vergangenheit von Vertriebenenfunktionären. Betreut hatte die Studie Manfred Knittel, Direktor der Vertriebenenstifung. Mit solch personeller Kontinuität und Geschichtsvergessenheit lassen sich allerdings Versöhnungsabsichten nur schwer vermitteln und auch die Bedenken der Nachbarn Deutschlands kaum ausräumen.

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