Bereitwillige Kollaborateure

geschrieben von
Hans Canjé

5. September 2013

»Grenzlanduniversität« Kiel als Stützpfeiler des
faschistischen Regimes

Juli-Aug. 2010

Christoph Cornelißen/Carsten Mish (Hg.): Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus. Klartext Verlag, Essen 2009. 420 Seiten, 16,95 Euro

»Die Rückkehr der ostdeutschen Hochschulen in die internationale Wissenschaft war mit einem totalen Eliteaustausch und Personaltransfer von West nach Ost verbunden; die Wiederaufnahme der deutschen Universitäten in die scientiific community zwang in den Westzonen vergleichsweise wenige und besonders kompromittierte Wissenschaftler zu dauerhaftem Ausscheiden und nur eine verschwindend kleine Zahl emigrierter Hochschullehrer fand nach 1945 den Weg zurück an eine deutsche Universität.«

(Martin Sabrow im vorgestellten Buch)

Was beim Lesen dieser Publikation immer wieder verwundert, sind Formulierungen wie »bestehen immer noch Lücken« oder »ist darüber noch zu wenig bekannt«. Es geht um die Geschichte der Universität Kiel in den Jahren der faschistischen Herrschaft. Und die ist, die Gedenkveranstaltungen sind noch in frischer Erinnerung, vor 65 Jahren beendet worden. Die hier in diesem Sammelband zu Wort kommen, sind für die »weißen Flecke« nicht verantwortlich zu machen. Sie stießen ja nur bei den Forschungen zum Thema an die, aus dem Wirken von Netzwerken, Aktenmangel, Amnesie, Mutation zum »Widerstandskämpfer« usw. resultierenden Grenzen.

Der 14. Band aus der Reihe »Zeit + Geschichte« des Essener Verlages fußt auf einer Ringvorlesung im Wintersemester 2008/09 an der Kieler Christian-Albrecht-Universität und wurden für die Drucklegung wesentlich vervollständig und um zusätzliche Aufsätze erweitert. Somit liegt nun ein in die Themenbereiche »Gleichschaltung und Mobilisierung«, »Theologie – Medizin – Jura – Sozialwissenschaften«, »Geisteswissenschaft«, »Naturwissenschaften« und resümierendem »Ausblick« gegliedertes (Fast)Gesamtbild dieser »Grenzlanduniversität« in den Jahren 1933-1945 und, was das Schicksal zahlreicher Kollaborateure aus dem wissenschaftlichen Bereich nach 1945 angeht, bis weit in die Geschichte der Bundesrepublik vor.

Die Bilanz ergibt, dass es auch an dieser Universität keinen Bereich gegeben hat, in dem nicht, zum Teil schon vor der Verkündung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« jüdische und politisch »unzuverlässige« Wissenschaftler davon gejagt und durch willfährige stramme Parteigänger und Karrieristen ersetzt wurden. Kein Bereich an dieser »altehrwürdigen« Universität war ausgeschlossen aus der Propagierung des Rassenwahns des Regimes, der »Blut- und Boden-Politik«, des »Volkstumskampfes«, dem Großmachtstreben und der Vorbereitung und schließlichen Durchführung des Raub und Eroberungskrieges. Kieler Forscher wie Werner Catel waren führend beim Kindermord als »unwertes Leben«. Kieler Archäologen beuteten Zwangsarbeiter bei Ausgrabungen aus und plünderten polnische Kunst- und prähistorische Sammlungen. Der Kieler Peter Paulsen verschleppte im Oktober 1939 den Veit-Stoß-Altar aus Krakau nach Berlin. Kieler Wissenschaftler waren es, die im KZ Dachau für die Luftwaffe Experimente an Häftlingen durchführten. All dies Beleg für die Feststellung von Christoph Cornelißen, dass auf viele Forscher die neuen Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen der NS-Diktatur sogar als Erfüllung eines lang gehegten Wunsches nach ›Entfesselung‹ der Wissenschaft. wirkten. »Die Zunft«, sozialisiert in der Kaiserzeit, hatte ein »klares Feindbild: Die Linke« und kam, wie einer der ihren betonte, »keineswegs mit leeren Händen in den Nationalsozialismus«.

Nach alldem bleibt die Grundtendenz des abschließenden Beitrags »Ausblick« in vielen Punkten recht fragwürdig. Nichts spricht gegen eine differenzierte Betrachtung der Handlungsweise dieses oder jenes Wissenschaftlers. Hier werden jedoch die »neuen Entfaltungsräume«, die der Faschismus der Wissenschaft laut dem Autor geboten habe, (er spricht gar von der »Hochschule als Ort nationalsozialistischer Modernisierung«) und die »neu geschaffenen Forschungsfreiräume« fast wertfrei angeführt. Angesichts der Verbrechen des Regimes kommt das der Ausstellung der Persilscheine nahe, mit denen sich die Kollaborateure den ungebrochenen Übergang in die Nachkriegsgesellschaft der BRD freimachten. Das fügt sich ein in die den Faschismus verharmlosende Feststellung, dass der »Umbruch der deutschen Universitäten im Dritten Reich begrenzt« blieb im Vergleich zum »Charakterwandel der Universitäten in der DDR«. Im »Dritten Reich« habe »allein die rücksichtslose Vertreibung jüdischer Professoren und Studenten« eine »scharfe Zäsur« gesetzt. Unter der SED-Herrschaft war der »personelle Austausch« dagegen »fast total«. »Entsprechend überstanden die deutschen Universitäten (West, H.C.) auch das Ende der NS-Herrschaft weitgehend unverändert« während das sozialistische Weltsystem nach 1989 »wie der terminus technicus hieß ‚abgewickelt‘ wurde«. Merke also: Die Faschisten haben die Wissenschaftler nur missbraucht, totalitär aber waren die Kommunisten.