Bomben und Nebelkerzen

geschrieben von
Ernst Antoni

5. September 2013

Krimis über die Hintergründe neofaschistischen Terrors

Juli-Aug. 2010

Wolfgang Schorlau, Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 335 S., 8,95 Euro

Peter Probst, Blinde Flecken. Schwarz ermittelt, Deutscher Taschenbuch Verlag München, 251 S., 8,95 Euro

»Das Attentat auf das Münchner Oktoberfest nimmt in der kollektiven Erinnerung der Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht den Platz ein, der ihm eigentlich zusteht – auch angesichts der privaten Schicksale, die davon betroffen waren und sind.« Wolfgang Schorlau schreibt dies im Nachwort zu seinem Kriminalroman »Das München-Komplott«, der den neofaschistischen Bombenanschlag aus dem Jahr 1980 zum Thema hat, bei dem 13 Menschen getötet und über 200 zum Teil schwerstverletzt wurden. Am 26. September jährt dieser sich zum 30. Mal.

In München lebend und dort seit 1980 meist dabei, wenn im September an das Attentat erinnert und der Opfer gedacht wurde – oft von kommunalen Behörden und Jahr für Jahr von Gewerkschaften und antifaschistischen Organisationen – glaubte ich lange, dass zumindest die »kollektive Erinnerung« bis heute da ist. Gab es doch, jedenfalls an »runden« Jahrestagen des Anschlags, entsprechende Würdigungen auch in den lokalen Medien. Wie richtig der Stuttgarter Autor aber mit seiner Wertung liegt, fiel mir erst auf, als ich mich mit politisch durchaus engagierten meist jüngeren Menschen aus anderen Bundesländern unterhielt, die Schorlaus »München-Komplott«-Krimi in die Hand bekommen hatten. Die waren von dem Buch hingerissen und kriegten sich vor Staunen nicht mehr ein.

Die »Einzeltäter«-These, mit der die Ermittlungen nach dem größten Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte gedeckelt wurden, das behördliche und politische Ablenken von rechtsextremen und neofaschistischen Zusammenhängen und Hintergründen der Tat, das sorgfältige Vermeiden der Frage, wem dieser Anschlag damals denn hätte nützen können: Das behördliche Werfen von Nebelkerzen hat über die Jahrzehnte hinweg doch seine Wirkung gehabt. Umso erfreulicher ist es, dass jemand in populärer Form die kritischen Recherche-Ergebnisse über den Terroranschlag aus dem Umfeld der damaligen neofaschistischen »Wehrsportgruppe Hoffmann« wieder einmal referiert und historische und aktuelle Bezüge herstellt.

Wolfgang Schorlau und sein Protagonist, der Privatdetektiv und Ex-BKA-Mann Georg Dengler, sind mit dem Oktoberfest-Krimi inzwischen bei ihrem fünften Facts- und Fiction-Fall angelangt. Auf die Spur geschickt hatte der Autor seinen Ermittler vor einigen Jahren erstmals mit einer Rohwedder-Mord- und Treuhand-Geschichte. Es folgten Exkurse in Nazi- und Nachkriegszeiten, in ökologische Reviere und an afghanische Kriegsschauplätze. Auch wer nicht jede (Hypo-)These des Autors teilen mag, kann seine Freude an den Ermittlungen Denglers haben, am bohèmigen Freundeskreis, der dem Detektiv zur Seite steht – und an der Methode seines Schöpfers, die Leser mit rapiden Szenenwechseln und flotten Schnittfolgen zu fesseln.

Ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt spielt der Kriminalroman »Blinde Flecken« von Peter Probst. Auch hier geht es um Neonazi-Terrorismus. Der Fall, an den sich die Geschichte anlehnt, ist um einiges aktueller als das Oktoberfest-Attentat.

Der Münchner Probst, Verfasser diverser TV-Drehbücher und verheiratet mit der Fernsehmoderatorin und Autorin Amelie Fried (»Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte«), befasst sich mit braunen Netzwerken im heutigen Bayern. Sein Ermittler Anton Schwarz hat es bei seinem ersten Fall mit Leuten zu tun, die deutlich an die Kameradschaft Süd und deren Nachfolgegruppen erinnern. An jene Nazis also, die 2003 den Bombenanschlag auf die Grundsteinlegungsfeier für das neue jüdische Gemeindezentrum in München planten.

In beiden Romanen steht der faschistische Terror nicht isoliert, quasi vom Föhn herbeigeweht, in der politischen Landschaft. Aufgezeigt werden mancherlei Querverbindungen, Zusammenhänge, übergeordnete Interessen. »Blinde Flecken« werden aufgehellt. Und gewisse Dienste, auch solche, die von sich behaupten, für den Schutz von Verfassung und Demokratie da zu sein, spielen recht realistisch recht dubiose Rollen.