Das verordnete Schweigen

geschrieben von
Friedbert Mühldorfer

5. September 2013

Konferenz über deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil

Juli-Aug. 2010

Das Karagandiska-Besserungslager spielte auch auf der Veranstaltung eine Rolle. Der Herausgeber Wladislaw Hedeler gehörte zu den Diskussionspartnern.

»Karlag: Das Grab in der Steppe. Kasachstan 1930-1959« (Schöningh Verlag, Oktober 2007)

Angst, der oder die Nächste zu sein, Verhaftung ohne Begründung, Urteil ohne Anwalt und Prozess, wochenlanger Transport im Viehwaggon ins Lager, jahrelange Sklavenarbeit, Ungewissheit über das Schicksal von Mann, Frau, Eltern oder Kindern, Massensterben ringsum …

Als die Zeitzeuginnen und -zeugen über ihre Erlebnisse reden, ist es völlig still im vollbesetzten Robert-Havemann-Saal im Haus der Demokratie in Berlin. Man kennt diese Betroffenheit und Nachdenklichkeit angesichts von Berichten Überlebender der faschistischen Konzentrationslager. Aber die Frauen und Männer hier im Saal erzählen von ihrer Leidenszeit in Straflagern und Verbannungsorten der Sowjetunion zur Zeit der Stalin-Diktatur.

Die Ähnlichkeiten der Leidensgeschichten drängten sich unwillkürlich auf und mit ihnen das bittere Eingeständnis, dass das Schicksal der Menschen in den sowjetischen Lagern jahrzehntelang keinen Platz fand in der Erinnerungsarbeit auch der VVN. Besonders bitter ist dieses Eingeständnis auch deshalb, weil die Frauen und Männer als Kommunisten oder Spezialisten freiwillig vor 1933 oder dann ab 1933 als politisch verfolgte Antifaschisten ins sowjetische Exil gingen – und dann, soweit sie überlebten, die meisten von ihnen in den 1950er Jahren in die DDR »zurückkehrten«. Dort aber wurde geschwiegen über diese »Sache« und die Betroffenen schwiegen oft mit. Wenigstens heute mit dieser Verdrängung aufzuhören, ist das Ziel des vor zwei Jahren gegründeten Gesprächskreises der Berliner VVN, der nun zusammen mit »Helle Panke« und der Stiftung Haus der Demokratie am 18. und 19. Juni zur Tagung »Das verordnete Schweigen – Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil« eingeladen hatte.

In Dokumentarfilmen und Gesprächen erzählten Überlebende von ihrer Ankunft in der DDR, von der Hilfe, die sie dort meist erfuhren, aber vor allem von der Tabuisierung jener Jahre in der Sowjetunion, die im offiziellen Sprachgebrauch als »Beteiligung am sozialistischen Aufbau« verbrämt wurden. Unterstützt von wissenschaftlichen Vorträgen und vielen Diskussionsbeiträgen wurde deutlich, dass dieses Schweigen viele Ursachen hatte: das schriftliche, mündliche oder unausgesprochene Schweigegebot durch Partei und Behörden, das uninteressierte oder misstrauische oder ahnungslose Umfeld, die eigene Verdrängung des traumatischen Geschehens und die Scham darüber, der Wunsch nach »normalem« Leben, das Festhalten am sozialistischen Ideal und die politische Loyalität gegenüber der Sowjetunion und der DDR. »Wir dachten, wir sind die richtigen Kommunisten, nicht Stalin«, fasste ein Teilnehmer zusammen und wies damit indirekt auf die besondere Tragik seiner eigenen Verfolgungsgeschichte und auf die Art seiner »Verarbeitung« hin. Für einen wie ihn hätte auch die Bundesrepublik keine Chance geboten, offen zu reden, es sei denn als »bekehrter« Antikommunist oder allein gelassen mit einem zynischen »Selbst schuld«.

Ein weiterer Programmpunkt der Tagung gab Anregungen für ein würdiges Gedenken an die mehrere Tausend deutscher Antifaschisten, die Opfer der stalinschen Verfolgung in der Sowjetunion wurden; viele von ihnen wurden ermordet oder starben in Lagern. Bis heute fehlt eine angemessene Würdigung sowohl im öffentlichen Raum wie auch in der inhaltlichen Debatte. Alle Formen sollten dabei einbezogen werden, von Gedenktafeln vor Ort bis zu Gedenkbüchern, von Ausstellungen bis zum Informationspool im Internet. Voraussetzung dafür aber ist die Bereitschaft aller antifaschistisch orientierten Organisationen, diesem Thema überhaupt Raum zu geben und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung stärker zur Kenntnis zu nehmen. Einigkeit bestand darin, das häufig vorgebrachte Argument, die öffentliche Debatte diene nur dem politischen Gegner und werde bloß ausgenützt, wenigstens für heute nicht mehr zu akzeptieren, nachdem dieses Argument jahrzehntelang in Ost und in West kritische Diskussionen verhindert hatte. Dass gegenwärtig die Gleichsetzung von Nazis und Antifaschisten, von NS-Regime und DDR und Kommunismus besonders eifrig betrieben wird, darf uns nicht daran hindern, uns mit »weißen Flecken« und unangenehmen Themen selbständig und durchaus offensiv auseinanderzusetzen. Dies gebietet nicht nur die politische Vernunft, sondern vor allem der würdevolle Umgang auch mit den Frauen und Männern und Jugendlichen, die als Antifaschisten in der stalinschen Sowjetunion den Tod fanden.