Dass nichts bleibt, wie es war!

geschrieben von
Inge Lammel

5. September 2013

Arbeiter- und Kampflieder bei der Büchergilde Gutenberg

Sept.-Okt. 2010

Die beigefügten Texthefte bieten neben den Liedkommentaren viele Abbildungen alter Schellackplatten-Labels wie auch Fotos von Autoren, Sängern und Musikgruppen, von Titelblättern alter Arbeiterliederbücher, Liedblättern der Arbeiterchöre und anderen Dokumenten.

Zu bestellen ist die CD-Dokumentation zum Preis von 39,90 Euro pro Album bei der Büchergilde (www.buechergilde.de) oder bei Bear Family Records, P.O.Box 1154, 27727 Hambergen.

Eine einzigartige Musikdokumentation veröffentlicht die Büchergilde unter dem Titel »Dass nichts bleibt, wie es war! 150 Jahre Arbeiter- und Freiheitslieder«. Auf zwölf CDs erklingen insgesamt ca. 280 Tondokumente aus der Zeit zwischen 1844 und 1990, ausgewählt und mit qualifizierten Kommentaren zur Entstehungsgeschichte versehen von dem Musikhistoriker Jürgen Schebera. Das Besondere dieser Dokumentation liegt in der Überspielung fünf faszinierender historischer Aufnahmen von alten Schellackplatten aus dem Archiv des eifrigen Sammlers Klaus Hohn.

Das erste Album mit drei CDs umfasst Lieder aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung von 1844 bis 1885 unter dem Titel: »Mann der Arbeit aufgewacht!« Lieder der Sozialdemokratie 1885 bis 1910: »Drum haltet fest zusammen« und Lieder für den politischen Massenkampf 1900 bis 1918: »Dem Morgenrot entgegen.« Es ertönen die bekanntesten und meist gesungenen Arbeiterlieder, beginnend mit dem Lied des schlesischen Weberaufstands »Das Blutgericht« von 1844; die Arbeiter-Marseillaise, Bet‘ und arbeit‘, Arbeiter-Stille-Nacht, Empor, zum Licht! und Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘, der Sozialistenmarsch und die Internationale in mehreren, unterschiedlichen Interpretationen. Bei Liedern, die in keiner historischen Aufnahme vorlagen, hören wir Einspielungen mit bekannten zeitgenössischen lnterpreten wie Ernst Busch, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader oder Hein & Oss, auch Aufnahmen mit DDR-Chören und Ensembles.

Die drei CDs des zweiten Albums stellen Lieder aus der 1. Hälfte der Weimarer Republik unter dem Motto: »Im Januar um Mitternacht« vor: Arbeiterlieder und Märsche in acht Instrumentalaufnahmen: »Ein Hoch den Martin-Trompetern« und Stücke für Arbeiter-Chöre: »Unser Singen muss ein Kämpfen sein«.

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß während der zwanziger Jahre auch bürgerliche Schallplattenfirmen wie Kalliope, Odeon, Grammophon, Parlaphon, Beka oder Homocord sowie das Versandhaus Arbeiter-Kult Zeugnisse der Arbeitermusik veröffentlichten, die in der Arbeiterbewegung, in den vielen Arbeiter-Haushalten nicht fehlen durften. Dabei geht es um Aufnahmen mit Schalmeienkapellen, Blas- und Balalaikaorchestern, Arbeiterchören und Sängergruppen, Gesangssolisten und Rezitatoren wie Alfred Beierle und mit Instrumentalsolisten wie dem »roten Geiger« Eduard Soermus. Die berühmte Rede Karl Liebknechts am 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Schlosses: »Trotz a1ledem!« wird von Erwin Piscator rezitiert. Es erklingen das Karl-Liebknecht-Lied »Auf, auf zum Kampf«, »Im Januar um Mitternacht«, der Kleine Trompeter und viele andere in den politischen Kämpfen der Zeit entstandene Lieder – ein reizvoller Gang durch die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im und mit dem Lied.

Das dritte Album dokumentiert Original-Aufnahmen von Schellackplatten aus den Jahren 1928 bis 1945. Die erste CD: » Roter Wedding« begeistert vor allem durch den Elan, die kämpferische Ursprünglichkeit, zuweilen auch Aggressivität der politischen Aussage, mit der die Arbeiterspieler der damaligen Agitprop-Truppen ihre selbstverfassten Lieder und Songs als Anklage gegen konkrete gesellschaftliche Missstände der kapitalistischen Gesellschaft vor Arbeiterpublikum darboten – auf der Straße, vom Lastwagen herunter, im Hinterhof oder bei politischen Veranstaltungen, zuweilen auch mit Erich Weinert. Beim Anhören dieser mitreißenden Aufnahmen nimmt man manche technischen Mängel in Kauf.

Auf der zweiten CD: »Wessen Welt ist die Welt« dominieren Einspielungen von Kampfliedern Hanns Eislers aus den Jahren 1929 bis 1932 mit Ernst Busch, darunter Originalaufnahmen vom Solidaritätslied »Vorwärts, und nicht vergessen«, vom Stempellied (Lied der Arbeitslosen), der Ballade von der Wohltätigkeit oder dem Marsch ins Dritte Reich. Die dritte CD trägt den Titel: »Wir sind die Moorsoldaten, Lieder gegen Faschismus und Krieg 1933 bis 1945«und enthält antifaschistische Widerstands- und KZ-Lieder sowie Lieder der Internationalen Brigaden aus dem Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Ergreifend ist der Vortrag des Moorsoldatenliedes, der Thälmann-Kolonne und des Einhheitsfrontliedes durch Ernst Busch, Aufnahmen, die z.T. unmittelbar an der Kampffront der Spanienkämpfer noch 1938 in Barcelona unter Bombenhagel produziert wurden.

Erschütternde Zeugnisse mit Liedern aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald, Dachau und Mauthausen liegen in Aufnahmen aus den frühen Nachkriegsjahren vor.

Es ist beeindruckend, mit welcher Gründlichkeit Jürgen Schebera seine Suche nach Informationen, Bildvorlagen und anderen interessanten Materialien betrieben hat. Eine ergiebige Quelle hierfür waren auch die Sammlungen und Veröffentlichungen des Arbeiterliedarchivs an der Akademie der Künste der DDR.

Ein letztes Album »Fort mit den Trümmern, Als das Kraftwerk wurde Volkes Eigen, Dass nichts bleibt, wie es war« mit Aufbau- und Massenliedern der frühen DDR und mit der Wiederentdeckung des Arbeiterliedes in der BRD ist unterdessen auch erschienen.