Die Gefahr schien realer

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Die Fragen stellte Adi Quarti von der »Stattzeitung für
Südbaden«

Rainer Rupp über Nato und Friedensbewegung damals und heute

Mai-Juni 2009

Im Rahmen der Anti-Nato-Proteste in Kehl-Strasbourg und Baden-Baden organisierte die VVN-BdA Ortenau gemeinsam mit Bündnispartnern aus der DFG-VK Mittelbaden, der Partei Die Linke und dem DGB Kehl- Hanauerland eine Veranstaltung mit Rainer Rupp und Arnold Schölzel (Chefredakteur der Tageszeitung Junge Welt) zum Thema: 60 Jahre Nato sind 60 Jahre zu viel! Kriege werden gemacht, bevor sie geführt werden.

Der Journalist Rainer Rupp war ab 1977 als Referent in der »Politischen Abteilung« im Nato-Hauptquartier in Brüssel tätig, arbeitete aber zugleich für die Auslandsaufklärung der DDR. 1993 wurde er enttarnt und zu zwölf Jahren Haft verurteilt, von denen er sieben Jahre absaß. Seit seiner Entlassung im Juli 2000 hat er sich als Autor und Journalist in zu internationalen Fragen einen Namen gemacht.

Was ist an den aktuellen Protesten gegen die Nato neu, wie könnte diese Bewegung verbreitert werden?

Rupp: Was ist daran neu? Nun, seit dem Krieg gegen Jugoslawien ist es ja ziemlich ruhig um dieses Militärbündnis geworden. Es gab zwar eine breite Bewegung gegen die Globalisierung, die G8, IWF, usw. Aber die Nato, die Organisation die die neoliberale Globalisierung militärisch unterfüttert, blieb bei den Protesten leider außen vor. Ich sehe da schon einen großen Fortschritt, wenn die Menschen nun erkennen, dass hier ein Zusammenhang existiert. Denn die Nato ist nicht dazu da, die Menschenrechte zu verteidigen. Worum es tatsächlich geht, ist der Zugang zu Rohstoffen und Märkten, oder um geopolitische Positionen zu beherrschen.

Seit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus gab es kaum Bewegungen gegen die Nato, ganz im Gegensatz zu den 1980er Jahren …

Rupp: …ja, in Bonn 300 000 Menschen gegen den Nato-Doppelbeschluss…

… nach dem Fall der Mauer in Berlin ist es deutlich ruhiger geworden. Kann sich das wieder ändern?

Rupp: Schwierige Frage! Ich bin da zwiespältig. Damals, 1983 hatte die Anti-Kriegsbewegung internationale Dimensionen. Das kriegen wir so wohl nicht mehr hin. Dies hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass die existentielle Angst der Menschen vor einem Atom-Krieg in Europa heute in dieser Form nicht mehr vorhanden ist. Damals bestand die reale Möglichkeit, dass nicht nur das eigene Leben sondern das der ganzen Familie, des ganzen Städtchens, des ganzen Ländles, ja der ganzen Spezies ausgelöscht würde. So etwas geht viel stärker unter die Haut als wenn die eigenen Truppen in fernen Ländern Kriege für angeblich gute Zwecke führen.

Die atomaren Planspiele damals haben mich persönlich manchmal zur Verzweiflung gebracht, ich saß damals ja mitten drin in diesen Planungsstäben in Brüssel. Ich war im Situation Center, dem Allerheiligsten im Nato-Hauptquartier. Da laufen die Nervenstränge der militärischen Planungen zusammen. Vor diesem Hintergrund verstehe ich sehr gut, dass die Menschen draußen begriffen hatten, was auf dem Spiel stand, wer nicht sofort getötet würde, auf den wartete ein elender Strahlentod… Heute sind die Krisenherde weit weg und, wie Goethe sagte, es gäbe beim Sonntagsspaziergang über nichts trefflicher zu reden, als wenn sich fern hinten in der Türkei die Völker die Köpfe einschlagen.

Allerdings begreifen immer mehr Menschen heute, dass die Nato dieses neoliberale und neokoloniale System absichert. Ich kann hier nur an den Ausspruch von General Brent Scowcroft, nationaler Sicherheitsberater von Bush sen. erinnern, der meinte, dass immer wenn sich amerikanische Unterhändler an einen Verhandlungstisch setzten, egal worüber gesprochen wird, über Kultur, über Ökonomie, über Investitionsrechte, immer fällt der Schatten der amerikanischen Militärmacht auf den Verhandlungstisch.

Was waren deine persönlichen Erfahrungen im Nato-Hauptquartier in Brüssel?

Rupp: Auf eine kurzen Nenner kann man das nicht bringen. Mir sind dort in der Regel keine Monster begegnet. Normalerweise waren das ganz normale Leute, die mehr oder weniger gut dort ihren Job gemacht haben, in allerdings privilegierten Stellungen, man bezahlte beispielsweise keine Steuern. Man hatte schon das Gefühl einer besseren Gesellschaftsschicht anzugehören, was natürlich eine bestimmte Denkrichtung beförderte, denn wenn man sich gegen den Apparat stellte, war man diese Privilegien natürlich schnell los.

An den großen Krieg hat eigentlich keiner geglaubt. Man hat die Strategien dafür entworfen, die Planspiele dazu festgelegt und die Mechanismen wie den nuklearen Erstschlag durchexerziert und weitgehend automatisiert, während die Hemmschwellen für den Atomkrieg immer weiter abgesenkt wurden. Aber kaum jemand hat geglaubt, dass es tatsächlich zum Krieg hätte kommen können. Aber vielleicht hat man den Gedanken daran auch nur verdrängt.

Wie wir heute aber wissen, standen wir im Kalten Krieg mindestens dreißig Mal am Rande eines heißen Krieges. Wir hatten viel Glück, wir sind davongekommen.

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