Die Knipser und das Morden

geschrieben von
Ernst Antoni

5. September 2013

Verbrechen der Wehrmacht in der Ausstellung »Fremde im
Visier«

März-April 2010

Nach dem Stadtmuseum Oldenburg und dem Münchner Stadtmuseum, wo die Ausstellung »Fremde im Visier« bis zum 28. Februar 2010 zu sehen war, sind als nächste Ausstellungsorte das Historische Museum in Frankfurt/Main (15. April bis 29. August 2010) und das Stadtmuseum Jena (24. September bis 14. November 2010) angekündigt.

Begleitend zur Ausstellung sind zwei Publikationen erschienen:

Petra Bopp

»Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg«, Kerber Verlag, Bielefeld 2009; 160 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; 29,80 Euro.

Petra Bopp, Sandra Starke

»Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg, Broschüre zur Ausstellung«, Kerber Verlag, Bielefeld 2009; 72 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; 6,00 Euro

Die Frau mit dem Kopftuch schürzt ihr Kleid beim Durchqueren des Flusses. Am Ufer, dem sie zustrebt, spiegelt sich ein Strauch oder Baum im Wasser. Alles sieht ländlich-idyllisch aus. Auf der Rückseite des Bildes steht, mit der Hand geschrieben, eine Nummer: 74. Und der Text »Die Minenprobe. ›Vom Donez zum Don‹ 1942.«

Bei dem Bild handelt es sich um ein Exponat der Ausstellung »Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg«. Zuletzt war sie in München im Stadtmuseum zu sehen, fand interessierte Betrachter und ein wohlwollendes Presseecho. Kein »Ausstellungs-Event« wie einst die erste »Wehrmachts-Ausstellung«. Das mag auch daran liegen, dass es Zeit und Geduld braucht, sich einzulassen auf die vielen kleinformatigen Bilder, die da meist 1:1 präsentiert werden – »geschossen« an den Fronten im Westen und Osten.

Die Kuratorinnen der Ausstellung, Petra Bopp und Sandra Starke, schreiben im Einführungstext zur Begleitbroschüre: »Im Jahr 1939 besaßen rund zehn Prozent aller Deutschen einen eigenen Fotoapparat. Der Aufforderung des Propagandaministeriums aus demselben Jahr, die Kamera auch im Krieg nicht ruhen zu lassen, folgten viele Soldaten bereitwillig. Neben den Feldpostbriefen sollten auch die Knipserfotos der Soldaten den Zusammenhalt zwischen Front und Heimat stärken.«

Das wird auch aus Werbeanzeigen der Foto-Industrie ersichtlich. Ein Landser löffelt frohgemut den Eintopf aus dem Henkelmann. »Es geht mir gut!« steht in der Überschrift und darunter: »Dieser gelungene Schnappschuss sagt doch mehr als die Worte: Es geht uns gut! Ein schönes Beispiel dafür, wie das Agfa Photo als lebendiger Mittler zwischen Front und Heimat eine Aufgabe erfüllt, die uns allen am Herzen liegt! Freude zu bringen!«

Die »Knipserbilder«, ihre Anordnung in den Alben, die jeweiligen Beschriftungen dort oder auf den Foto-Rückseiten und die den Kriegs- und Frontverläufen folgenden Szenenwechsel machen oft deutlich, wie es sich mit dem »Freude bringen« verhalten hat. »Fremde im Visier« ist ein Ausstellungstitel, der auch Bedrohliches, Mörderisches impliziert. Und dieses Mörderische – die so gerne geleugneten Verbrechen der deutschen Wehmacht bei ihren Vernichtungskriegen – findet seinen Niederschlag auch in den fürs Private bestimmten Bildersammlungen.

Ab und zu genügt ein Nicht-mehr-Vorhandensein. Da sind zwei Seiten aus einem Album zu sehen; auf der einen gibt es kein Bild mehr. Sichtbar sind noch die Klebereste, wo es abgelöst wurde, darunter ein handgeschriebener Bildtext: »Erschossene Partisanen in Pleskau«. Nicht immer sind solche Bilder aus den privaten Sammlungen herausgenommen worden. Auch manche Begleittexte, mit denen die Fotos von den »Knipsern« oder ihren Verwandten versehen wurden, sprechen eine makabre Sprache: »So sieht es im blöden Russland aus«, »Marsch in die Gefangenschaft, Flintenweiber vorn weg« … »Alte nationalistische Stereotypen«, so der Katalog, »von ›dem Russen‹ oder ›dem Polen‹ mischten sich mit Vorstellungen der NS-Propaganda von ›minderwertigen Untermenschen‹ (…) Besonders deutlich ist dieser überlegene rassistische Blick auf die sowjetischen und farbigen französischen Kriegesgefangenen, die den deutschen Fotografen völlig ausgeliefert waren.«

Besonders aufschlussreich legt ein »überraschender Fund« (Katalog) Zeugnis ab vom Ineinandergreifen privaten Fotografierens und offizieller Propaganda: Das »Minenprobe«-Bild entstammt der Sammlung »Vom Donez zum Don«, aufgeführt auf einer so betitelten gedruckten Bilderliste als Nummer 74 von insgesamt 142. Die Bilder begleiten den Vormarsch von Gebirgsjägern, der so genannten Spielhahnjäger-Division, 1942 in der Ukraine.

Vermutlich waren hier Profis am lichtbildnerischen Werk. Identische Fotos aus dieser Serie fanden die Ausstellungsmacherinnen bisher »in fünf Konvoluten unterschiedlicher Herkunft«. Ihre Folgerung: »Die Alben und der Blick auf den Krieg sind weit mehr als bisher angenommen durch Bildertausch und Bestellungen bei den Propaganda-Kompanie-Fotografen normiert.« Und zur »Idylle« des »Minenprobe«-Bildes: »(Es) verweist auf die Anwendung des tödlichen Befehls zum so genannten ›Minensuchgerät 42‹: ›Juden und Bandenangehörige sind mit Eggen und Walzen über vermintes Gelände zu jagen.‹«