Die Zukunft des Gedenkens

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geschrieben von Heinrich Fink

Internationale Begegnung zum Thema Erinnerungsarbeit ohne Zeitzeugen

Nov.-Dez. 2010

Vom 15. bis 17. Oktober lud die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zu einem internationalen Workshop zum Thema »Die Zukunft der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Zivilgesellschaftliche Perspektiven für die Gedenkstättenarbeit« ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Erinnerungsarbeit ohne Zeitzeugen weitergehen soll. Dr. Anette Chalut, Präsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees und Roger Bordage, Präsident des internationalen Sachsenhausenkomitees brachten ihre Erwartungen für die Zukunft dabei deutlich zum Ausdruck: Die Gedenkstätten dürfen keine historischen Museen werden, die die Erinnerung historisieren. Sie müssen politische Lernorte sein, an denen für die folgenden Generationen die Erinnerung an die NS-Zeit wachgehalten wird. Es sollen Orte der kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Ursachen für den faschistischen Terror, den Völkermord und den Vernichtungskrieg sein. Aus der Sicht von Roger Bordage dürfen KZ-Gedenkstätten ihre besondere Aufgabe als Orte des Grauens, des Leidens, des Mordens aber auch von Hoffnung und Verzweiflung, von erlebter Ohnmacht und von Widerstand, so wie von gegenseitiger Solidarität nicht verlieren. Anette Chalut beschwor eindrücklich, dass die Überlebenden die Gedenkstätten immer als »ihre Orte« und die ihrer dort ermordeten Kameradinnen und Kameraden betrachtet haben. Sie haben für den Erhalt gekämpft und an ihrer Gestaltung mitgewirkt, sich dankbar nach ihrer Befreiung für die Zeit ihres Lebens als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur Verfügung gestellt. Sie haben sich in Lagergemeinschaften zusammengeschlossen, damit ihr Vermächtnis in gegenseitiger Solidarität weiter wirke. Ihre Lagergemeinschaften wurden bald für Nachgeborene geöffnet, um sich ihnen mitzuteilen und um zu sichern, dass ihr Vermächtnis nicht mit ihnen stirbt.

Die Erwartungen der Überlebenden an die Aufgaben der Gedenkstätten brachte Bernd Lind aus Norwegen, Vizepräsident des ISK, zum Ausdruck: »Die Mahner sterben. Die nächsten Generationen müssen unsere Arbeit weiterführen. Sie müssen nicht nur die historischen Stätten erhalten, sondern die Botschaft von den Kämpfenden muss bleiben: über Rassismus, Diskriminierung und Faschismus muss die nächst Generation aufgeklärt werden. Die Jugend muss gebildet werden, dass sich das, was wir erleben mussten, nicht mehr wiederholen kann.

In intensiven Diskussionen wurde an den drei Tagen darüber debattiert, wie die Zivilgesellschaft, so die Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis, die VVN-BdA, Aktion Sühnezeichen, der Förderverein der Gedenkstätte und des Museum Sachsenhausen, die Arbeitsstelle für Erinnerungskultur der evangelischen Kirche, der Bundesvorstand der Schwulen und Lesben und andere Vereine und Organisationen künftig an der Gestaltung der Gedenkstätten beteiligt werden können. Ihr Beitrag wird in der Zukunft noch mehr ins Gewicht fallen müssen. Die Forderung lautete, dass die Stimmen der ehemaligen KZ-Häftlinge sowohl durch Nachkommen, als auch durch engagierte Bürger und Mitglieder von Verbänden in den Gremien der Gedenkstätte ersetzt werden sollen.

Auf dem Abschlussplenum, an dem unter anderem Martin Gorholt, Staatssekretär im Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur und Dr. Peter Fischer vom Zentralrat der Juden teilnahmen, formulierte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Prof. Dr. Günter Morsch noch einmal seine seit Jahren vertretene These, das die Gedenkstätten zukünftig moderne zeithistorische Museen sein sollten, Orte der Forschung und der Dokumentation, die sich moderner Medien bedienen, um die Biographien und Schicksale der Häftlinge jugendlichen Besuchern nahezubringen. Dafür brauche man neben der Finanzierung aus öffentlicher Hand vor allem bürgerschaftliches Engagement, es sei wichtig, dass Gedenkstätten nicht politisch instrumentalisiert würden.

Ein frommer Wunsch, dem die Tatsache entgegensteht, dass Geschichte und erst recht Zeitgeschichte immer aus der Sicht politischer Akteure reflektiert wird. Die Kritik von Häftlingen am Konzept der Ausstellungen z. B. in Sachsenhausen war und ist ja vor allem eine Kritik an den politischen Intentionen dieser Präsentationen.

Die Widersprüche liegen also auf dem Tisch. Werden Vertreter der »Zivilgesellschaft« an Stelle der Häftlingsvertreter in den Gremien der Stiftung mitarbeiten können, oder wird den nachfolgenden Generationen auch diese letzte Möglichkeit der Einflussnahme genommen werden? Als Organisation, die von Opfern des Faschismus und antifaschistischen Widerstandskämpfern gegründet wurde, haben wir unseren Anspruch angemeldet. Die Diskussion wird weitergehen.

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