»Dieses Gezücht ausrotten«

geschrieben von
Hans Canjé

5. September 2013

In Düsseldorf wird der aufrechte Christ Joseph Rossaint geehrt

März-April 2010

Am Mittwoch, 28. April 2010, wird um 17.00 Uhr an der Kirche Mariä Empfängnis an der Oststraße in Düsseldorf in einer gemeinsamen Feierstunde der katholischen Kirche Düsseldorf, der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und der VVN-BdA Düsseldorf eine Gedenktafel für den ehemaligen Präsidenten der VVN, Joseph Rossaint eingeweiht.

Literaturhinweis: Karl Heinz Jahnke/Alexander Rossaint: »Hauptangeklagter im Berliner Katholikenprozess 1937: Kaplan Dr. Joseph Rossaint.« VAS Verlag Frankfurt/Main, 2002

»Prozess gegen Kaplan Rossaint enthüllt Zusammenarbeit ehemaliger Katholiken mit KPD (…) Dieses Gezücht muss mit Stumpf und Stil ausgerottet werden«, schrieb Joseph Goebbels, Reichsminister für Propaganda des faschistischen Regimes, am 10. April 1937 in sein Tagebuch. Und am 23. April: »Strafantrag gegen Rossaint 15 Jahre Zuchthaus. Hoffentlich bekommt das Schwein sie auch tatsächlich (…).« Goebbels Tiraden lassen erkennen, welche Bedeutung das Regime diesem Dr. Joseph Cornelius Rossaint beigemessen hatte, der am 5. August 1902 in Herbesthal/Kreis Eupen (Belgien) geboren und nach dem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie 1927 zum Kaplan in Oberhausen und ab 1932 in Düsseldorf bestellt worden war. Seit dem 7. April 1937 stand der 35jährige Geistliche, dieses »auszurottende Gezücht« nun vor den Schranken des obersten Blutgerichts des faschistischen Regimes, des »Volksgerichthofes« beschuldigt der »versuchten Bildung einer Einheitsfront zwischen Katholiken und Kommunisten«.

Der junge Rossaint hatte sich, was in einer Arbeiterstadt wie Oberhausen unumgänglich war für einen Geistlichen, der seinen Auftrag ernst nahm, für sozial benachteiligte und arbeitslose Jugendliche eingesetzt. Selbstverständlich kam es dabei zu Kontakten mit dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Diese Verbindung hielt er nach der Machtübertragung an die von ihm schon vor 1933 bekämpfte faschistische NSDAP aufrecht. Er scheute sich nicht, den 1933 verhafteten und zu 18 Monaten Haft verurteilten KJVD-Funktionär Max Schäfer im Gefängnis zu besuchen. Im Juni 1933 lud er den Leiter der illegalen Bezirksorganisation des KJVD, Franz Spanier, zu einer Versammlung des katholischen Jungmännerbundes ein. Rossaint traf sich mit führenden Kommunisten wie Max Reimann und Ewald Kaiser, dem Vertreter des KJVD im französischen Exil. Immer ging es um die Gemeinsamkeit im Kampf gegen die Faschisten.

Gegen den aufkommenden Faschismus und die damit verbundene Kriegsgefahr war er schon vor 1933 in Wort und Schrift angegangen. Ein neuer Krieg, so warnte er noch im Januar 1933, würde »mit all seiner neuen Technik das grässlich-grandiose Leichenbegräbnis Europas sein«. Am 29. Januar 1936, unmittelbar nach dem Gottesdienst wurde er in Düsseldorf beim Verlassen der Kirche Maria Empfängnis als führendes Mitglied des Katholischen Jungmännerbundes verhaftet. »Hochverrat katholischer Priester – katholisch-kommunistische Einheitsfront« titelte die Oberhausener »Nationale Zeitung«.

Nach einem dreiwöchigen Schauprozess wurde der Mann, den Goebbels so mit Hass überschüttet hatte, am 28. April 1937 als Hauptangeklagter im international beachteten »Berliner Katholikenprozess« wegen »Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen« zu elf Jahren Zuchthaus auch darum verurteilt, weil er vor dem Volksgerichtshof ungebrochen seiner Gegnerschaft zum Regime betont und zu seinen Kontakten mit kommunistischen Jugendfunktionären gestanden hatte. Rossaint kam erst nach Berlin-Plötzensee, dann wurde er in das Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen verbracht. Acht Jahre verbrachte er hinter Zuchthausmauern; dass er am 13. April 1945 nicht wie 60 andere Häftlinge des Zuchthauses von der Gestapo erschossen wurde, ist nur einem Glückumstand zu verdanken.

Ein ganz eigenes Kapitel stellt die mit einer Ergebenheitsadresse an das Regime verbundene kriecherische Reaktion z. B. des Kölner Erzbischofs Karl-Josef Schulte auf den Terrorprozess gegen Rossaint und die sieben Mitverurteilten, drei davon waren Geistliche, dar. Nicht minder skandalös die Haltung seines Nachfolgers im Amt, Kardinal Frings, als Rossaint nach acht Jahren Zuchthaushaft um eine Priesterstelle vorstellig wurde. Nur um den Preis des Abbruchs aller Beziehungen zu seinen kommunistischen Mithäftlingen und künftiger politischer Abstinenz könne er wieder als Priester wirken.

Der tiefgläubige Katholik lehnte die Bedingungen empört ab. Joseph Rossaint wurde Mitglied der VVN, war lange Jahre einer ihrer Präsidenten und ab 1990 ihr Ehrenpräsident. In seine Präsidentschaft fällt auch die 1971 beschlossene Öffnung der VVN zum Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Joseph Rossaint starb am 16. April 1991 im Alter von 88 Jahren.