»Drei Kriege erlebt«

geschrieben von
Hans Canjé

5. September 2013

Karlen Vespers Gespräche mit zwölf »anderen
Deutschen«

Juli-Aug. 2010

Karlen Vesper: Licht in dunkler Nacht. Zwölfe Gespräche mit anderen Deutschen. Bibliothek des Widerstandes, Pahl-Rugenstein Verlag Bonn, 2010, 12,90 Euro

Zwölf »andere Deutsche« – elf Männer und eine Frau – mit denen Karlen Vesper, in der Berliner Tageszeitung »Neues Deutschland« für das Ressort Geschichte zuständig, in den Jahren zwischen 2005 und 2010 ihre Gespräche über Verfolgung und Widerstand in den Jahren der faschistischen Herrschaft geführt hat, sind in diesem Geschichtsbuch ganz eigener Art zusammengeführt. VVN-BdA-Vorsitzender Heinrich Fink nennt es im Vorwort treffend ein »unentbehrliches Kaleidoskop vom Alltagsleben aus verschiedenen Gruppen des Widerstandes«. Zum 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus herausgekommen, ist es über den Tag hinaus besonders in unseren Tagen, da naturgemäß die Zahl der Zeitzeugen immer mehr abnimmt, von Bedeutung.

Die hier Auskunft geben waren Opfer des faschistischen Terrors, sie haben jedoch den Kampf nicht aufgeben. Haben Widerstand geleistet im KZ, in den Internationalen Brigaden in Spanien, im Exil, in den bewaffneten Streitkräften der Alliierten, als Mitstreiter in den Reihen der französischen Widerstandsbewegung oder in der Roten Armee. Warum nur haben sich die Repräsentanten unseres Landes nie angesprochen gefühlt von jener Aufforderung Kurt Goldsteins: »Fragt uns, wir sind die letzten!«?

Da wäre die Geschichte des Reinhold Lochmann, der im KZ Buchenwald mit seinen Kameraden erst an Radiogeräten der SS-Wachmannschaft in der Rundfunkwerkstatt ausländische Sender abgehört und die Nachrichten weitergegeben hat und schließlich selbst einen Kurzwellenempfänger gebastelt hat. Walter Sack, wie Reinhold Lochmann inzwischen verstorben, gehörte zur Gruppe Baum, in der junge kommunistische Juden organisierten Widerstand leisteten und am 12. Mai 1942 den Brandanschlag auf die Hetzausstellung »Das Sowjetparadies« durchführten. Im schwedischen Exil erlebt er den Tag der Befreiung. Der »Sachsenhausener« Karl Stenzel, gelernter Schlosser, hatte 1933 schon 13 politische Vorstrafen hinter sich. Nach 1933: Drei Jahr Haft in Waldheim, Moorsoldat, Zuchthaus Fuhlsbüttel, KZ Sachsenhausen.

Da ist die Geschichte des Kommunisten aus jüdischem Elternhaus, Kurt Julius Goldstein. Interbrigadist in Spanien, Auschwitz- und Buchenwaldhäftling, Dort befreit, »neugeboren«, wie er über sein Leben sagt. Mitkämpfer im spanischen Freiheitskrieg als Mitglied der Republikanischen Armee, war auch Fritz Teppich, jüdischer Kommunist, »Deutscher und Angehöriger des jüdischen Volkes«. Immer noch als »Aufklärer« unterwegs. Nicht mehr befragt werden kann der Pianist Eberhard Rebling, der von sich sagt, dass er 20 Juden gerettet und drei Kriege erlebt hat: den Ersten, den Zweiten und den Kalten. Ein »Gerechter unter den Völkern«. Auch Ernst Melis nicht, der bereits in der Illegalität lebte, als Hitler an die Macht kam und dann nach Frankreich fliehen konnte. Kurt Hälker, der als Matrose in den Krieg musste, ihn zu hassen lernte und sich, wie Ernst Melis, der französischen Widerstandsbewegung anschloss, starb vor wenigen Monaten. Hanna Podymachina, alias Bernstein, alias Bauer: Die Tochter deutscher Kommunisten, die in der Sowjetunion Zuflucht fanden, kann und hat was zu erzählen. Von ihrem Eintritt in eine sowjetische Propagandaeinheit, von ihrem Fronteinsatz auch im Doppeldecker mit Lautsprecher auf dem langen Weg von Stalingrad über die Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Österreich. 1945 dann wieder in Berlin, das sie 1934 verlassen musste.

Einige Namen nur. Der langjährige antifa-Leser wird sie alle kennen aus dem Leben des Verbandes und der Lagerarbeitsgemeinschaften. Sie haben nach der Befreiung oder ihrer Heimkehr aus dem Exil bei Führungen in den KZ-Gedenkstätten, in Schulen und an vielen anderen Orten Auskunft gegeben über Verfolgung und Widerstand, als Mahner vor neuem faschistischen Ungeist.

Die in dieser Vielfalt und Zusammenführung selten zu findende Chronik des deutschen Widerstandes ist kein Heldenepos. Liebe, Ängste, auch Geschichten von »Beulen am Kopf«, die nicht vom Klassengegner stammten, werden erzählt. Ein Buch für den Geschichtsunterricht an unseren Schulen. Diese Neuerscheinung in der verdienstvollen Bibliothek des Bonner Pahl-Rugenstein Verlages ist aber auch bestens geeignet zur Mitgliederwerbung für die VVN-BdA.