Ein Bauhausschüler im KZ

geschrieben von
Rolf Junghanns

5. September 2013

Franz Ehrlich wird in Weimar mit einer Ausstellung geehrt

Sept.-Okt. 2009

Franz Ehrlich. Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager

Eine Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar und der Stiftung Bauhaus Dessau im Rahmen des Bauhausjahres 2009.

2. August bis 11. Oktober 2009, Neues Museum Weimar

In Leipzig soll Ende dieses Jahres ein »DDR-Relikt« entsorgt werden – der Ehrenhain für die Opfer des Faschismus auf dem Südfriedhof. So wird Toten ihre letzte Ruhe verweigert, weil sie zu Lebzeiten den Fehler begangen hatten, die NS-Diktatur und Krieg überlebt und in der DDR an der Beseitigung der Folgen dieser Zeit mitgewirkt zu haben. Einer der hier Beigesetzten ist Franz Ehrlich.

Franz Ehrlich, geboren 1907 in einer Leipziger Arbeiterfamilie, hatte von Kind an eine Leidenschaft fürs Zeichnen und Malen. 1923, er war noch Maschinenschlosser-Lehrling, wirkte ein von Joost Schmidt gestaltetes Plakat für die große Bauhaus-Ausstellung so magisch auf ihn, dass er diese unbedingt besuchen wollte. Geld gab es in der Familie so gut wie keins. So beschloss er, zu Fuß nach Weimar zu laufen. Diese einwöchige Weimar-Wanderung war für seinen weiteren Lebensweg entscheidend: Fasziniert von der vielfältigen künstlerischen Arbeit am Bauhaus und auch von der sozialen Vision dieses Gestaltens und Bauens, beschloss er: So ein Bauhäusler muss er werden!

Nachdem er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit malerisch und handwerklich weiter gearbeitet hatte, von Gropius die Zusage bekommen hatte, Schüler am Bauhaus werden zu können, dort an den verschiedenen Kursen teilgenommen und an unterschiedlichen Aufgaben und großen Projekten mitgearbeitet, von Klee, Kandinsky, Köhn, Joost Schmidt, Josef Albers, Moholy-Nagy u.a. gelernt und 1930 das Bauhaus-Diplom der plastischen Werkstatt erhalten hatte, hätte er sich mit den erworbenen Fähigkeiten eine Existenz aufbauen können. Von den Erfahrungen seiner Jugend im proletarischen Leipzig geprägt, in der er sich früh politisch engagiert hatte, gab es aber für ihn keine Alternative, als sich illegal gegen das aggressive Unrecht zu engagieren, bis seine Gruppe im Herbst 1934 entdeckt und nach einer großen Verhaftungsaktion der »Vorbereitung zum Hochverrat« angeklagt wurde. Den drei Jahren Haft in Waldheim und Zwickau folgte 1937 unmittelbar die Internierung im Konzentrationslager Buchenwald, dessen Errichtung damals begann.

Sechsundachtzig Jahre später präsentiert die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Dora-Mittelbau nun eine Ausstellung über ihn. Zeichnungen aus der Haft – der »Normalbesucher« hat andere Erwartungen. Entsprechend seiner künstlerischen Prägung schuf Franz Ehrlich in dieser Zeit Blätter mit rein geometrischen, abstrakten zum einen, zum anderen mit figürlichen symbolistischen Darstellungen, in denen er konsequent die ihm vertrauten Ausdrucksformen der Moderne anwendet. Im Zeichnen und Malen dieser Blätter, die durch seine spätere Frau aus dem Zuchthaus gebracht werden konnten, suchte er in den Zuchthauswochenenden Abstand zum bedrückenden Häftlingsalltag und reflektierte sein Gefangensein. Vergitterte Fenster, Schlüssel, Anker, Tauben, Zahlen (der Häftling auf eine Nummer reduziert) oder Menschen in Häftlingskleidung, gesichtslose Köpfe stehen für Eingesperrtsein und psychische Qual.

Inhaltlich und von der Formsprache her völlig anders geartet sind die aus der Buchenwaldzeit verbliebenen Zeichnungen – es sind Entwurfszeichnungen mit den Insignien der SS. Franz Ehrlich hatte, unterstützt von seinen kommunistischen Mithäftlingen, aus dem mörderischen Steinbruchkommando abtauchen und schließlich eine Tätigkeit als Architekt und Gestalter übernehmen können. Genauer gesagt war er der Arbeitssklave des nominellen SS-Lagerarchitekten Riedl, der als abgebrochener Architekturstudent unfähig war, die von der SS-Führung gestellten Aufgaben zu realisieren. Für Riedl musste Ehrlich all das leisten, wozu der nicht in der Lage war – und das waren der Entwurf von Bauten für Lager und SS, Planungsarbeiten, innenarchitektonische Gestaltungen und kunsthandwerkliche Entwürfe. Und so entdeckt man in der Ausstellung das Signum »eh« unerwarteterweise auf dem Gesamtplan des Lagers Buchenwald oder aber auf dem Entwurf für ein hakenkreuzgeschmücktes Kaminzimmer.

Neben den Leidensumständen hätten in der Ausstellung aber auch die Überlebensstrategien Ehrlichs und seiner kommunistischen Leidensgefährten deutlicher herausgestellt werden sollen. Einige ihrer verschwiegenen Heldentaten waren den Kuratoren der Ausstellung bisher wohl nicht zugetragen worden. Unbedingt gehört dazu der von Professor Bethge, einem Freund Ehrlichs, überlieferte Bericht Ehrlichs, dass in den Plänen der Lagergebäude Möglichkeiten für Verstecke angelegt worden waren, die dann die Waffen bargen, die im April 1945 zur Selbstbefreiung des Lagers genutzt wurden. Die Ausstellungsgestalter nehmen die subtilen Zeichen seines Widerstandes zum Anlass, den Bauhausschüler Ehrlich über den Bauhausgründer Gropius zu stellen. Gropius, so Volkhard Knigge in seiner Eröffnungsrede, habe zum Umbruch 1933 selbst noch im sicheren Hafen der USA geschwiegen. Auf Mussolini-Italiens Umgang mit der Moderne verweisend, habe er versucht, das neue Bauen im NS-Deutschland hoffähig zu machen. Demgegenüber habe Ehrlich bewiesen, dass »stilles Heldentum und Mitmenschlichkeit selbst in drückendsten Zeit möglich sind«. Diese Worte ohne heroisierendes Pathos hätten Franz Ehrlich, der Lobhudeleien eher abhold war, sicher auch gefallen.