Ein feiger Justizmord

geschrieben von
Heinrich Fink

5. September 2013

Zur Erinnerung an Richard Hüttig, der vor 75 Jahren umgebracht
wurde

Juli-Aug. 2009

Am 14. Juni 2009 gedachte die Berliner VVN-BdA des 75. Jahrestages der Ermordung Richard Hüttigs mit einer Kundgebung in der Gedenkstätte Plötzensee.

Jan Petersen hat in seinem Tatsachenroman »Unsere Straße« (im faschistischen Deutschland geschrieben, ins Ausland geschmuggelt und dort veröffentlicht) dem antifaschistischen Kampf in der Wallstraße, heute Zillestraße, ein Denkmal gesetzt.

Seit 1950 heißt die Straße, die zur Hinrichtungsstätte nach Plötzensee führt, Hüttigpfad.

Richard Hüttig wurde am 14. Juni vor 75 Jahren als erster Kommunist nach eiligem Todesurteil mit einem Handbeil unter freiem Himmel enthauptet. Er hatte in Charlottenburg gegen die NSDAP gekämpft, unbewaffnet, mit Argumenten und Fäusten – gegen den immer größer werdenden Einfluss der Nazis in seinem Bezirk. Er bildete mit seinen Genossen eine Häuserstaffel, um die Bevölkerung in Charlottenburg vor den Überfällen der braunen Horden zu schützen. Am 17. Februar 1933 trafen sie sich in einer Kneipe in der heutigen Zillestr. Nach Ende ihrer Versammlung, die Richard Hüttig leitete, wurden sie von der SS überfallen und es kam zu Auseinandersetzungen. Schüsse fielen und der Nazi von der Ahe wurde schwer verwundet, er starb zwei Tage später. Zu dem Vorfall wurde Richard Hüttig kurz verhört und nicht für schuldig befunden. Dagegen wurden mehrere SA-Männer verhaftet. Sechs Pistolen sind dabei beschlagnahmt worden. Polizisten sagten aus, dass sie von SA-Leuten beschossen worden waren und unter diesem Beschuss auch von der Ahe getroffen wurde. Doch drei Tage später hatten sich die Tatsachen im Verhör verändert. Am 14. September 1933 wird Richard Hüttig verhaftet und am 1. September 1934 weitere 16 Mitglieder der Häuserstaffel im sogenannten Ahe-Prozess wegen Mordes und Landfriedensbruch vor Gericht gestellt. Das Ansehen von Richard Hüttig war in Charlottenburg sehr groß, er war als Häuserschützer bekannt. Deshalb griffen die Nazis ihn aus der Genossengruppe heraus und präsentierten ihn als Hauptschuldigen. Damit sollte die Bevölkerung eingeschüchtert werden, um von ihren widerständigen Aktivitäten gegen Nazis abzuschrecken. Doch die Verhandlung wurde zur Farce: »Das Gericht ist jedoch nicht zu der Überzeugung gelangt, dass Hütttig den tödlichen Schuss abgefeuert hat.«, heißt es in der Urteilsverkündung. Hüttig ist in den Augen der Richter dennoch schuldig. Am 16. Februar 1934 wird er wegen Landfriedensbruch und versuchten Mordes zum Tode verurteilt. Harald Pölchau schrieb in seinen Erinnerungen als Gefängnispfarrer in Plötzensee: »Es war in Wahrheit ein reiner Justizmord.«

Richard Hüttigs letzter Wunsch war es, dass der Wagen mit seiner Leiche durch die Seelingstraße, seinem letzten Wohnort, fahren solle. Sein Wunsch, auf diese Weise öffentlich Abschied zu nehmen, hatte eine große Wirkung. Dieses Viertel, im Volksmund als »der kleine rote Wedding« bezeichnet, dort hatte er mit seinen Genossen gegen die Nazis gekämpft, die antifaschistische Straßenstaffel gegen den Nazimordsturm 33 angeführt, in der Hoffnung, wie er selber sagte, die »braune Pest« zu verhindern. Er wusste, was sich ereignen würde, wenn die Genossen seinen Sarg sehen. Es war wohl die ungewöhnlichste Demonstration von Kommunisten. Jan Petersen vom Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller hat dieses Ereignis in seinem Buch »Unsere Straße« so beschrieben:

»Die Straße ist in Bewegung. Aber mir ist als ob die Zeit hier still steht, als ob alle den Atem anhalten. Meine Nerven zerren. Die Minuten schleichen als wären es Stunden. Jetzt! Am Straßenrand links tauchen Uniformen auf. Blaue Polizeiuniformen, dazwischen braune. Der Totenwagen. Zwei SA-Leute führen die Pferde am Zügel. Auf den Bürgersteigen erstarrt jede Bewegung. Alle Köpfe drehen sich zum Fahrdamm. In dichten Reihen stehen die Menschen an den Rinnsteinen. Aus den Haustüren kommen sie, stellen sich dazu. Plötzlich fliegen die Fenster an den Häuserfronten auf, als hätte ein Klingelsignal alle Mieter alarmiert.

Von links nehmen sie die Hüte, die Mützen von den Köpfen. Die Bewegung läuft durch die Menge. Atemlose Stille. Hell klappern die Pferdehufe. Der Totenwagen – die Uniformen kommen langsam näher. Hinter mir schluchzt eine Frau laut auf. Jetzt ist der Totenwagen heran. Meine Augen werden weit. Meine Kinnladen mahlen. Da fliegt ein roter Blumenstrauß durch die Luft. Prallt gegen den Totenwagen, fällt auf den Asphalt. Ich reiße den Kopf herum. Aus den Fenstern über uns – da noch einer! ›Du bist für uns gestorben, Genosse Hüttig! Wir werden Dich rächen!‹, ruft eine Frau mit gellender Stimme aus dem Fenster. Auf einmal sind wir alle nicht mehr einzeln hier. Auf einmal sind wir alle ein Körper, ein Mund. Hundertstimmig schreit es in der engen Straße: Rache! Rache! Rot Front!

Die SA-Leute reißen am Zaumzeug der Pferde. Der Totenwagen hält mit einem Ruck, steht plötzlich allein auf dem Fahrdamm. Die Uniformierten laufen auf die Bürgersteige zu. Sie schlagen zwischen die Menschen, reißen Menschen zu Boden.«