Einsprüche und Widersprüche

geschrieben von
Ernst Antoni

5. September 2013

Geschichtspolitische Konferenz auch ein Forum für
Zukünftiges

Mai-Juni 2010

Referentinnen und Referenten

Dr. Thomas Lutz, Gedenkstättenreferat Topographie des Terrors; Prof. Dr. Wolfgang Wippermann; Prof. Dr. Kurt Pätzold; Dr. Holger Politt, Rosa-Luxemburg-Stiftung; Rosario Bentivegna, Widerstandskämpfer, Italien; Hannes Heer, Historiker; Ulrich Sander; Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme; Rosel Vadehra-Jonas, Lagergemeinschaft Ravensbrück; Dr. Peter Fischer, Zentralrat der Juden; Silvio Peritori, Zentralrat Deutscher Sinti und Roma; Adam König, Überlebender der KZ Sachsenhausen, Auschwitz, Buchenwald-Dora.

Der ehemalige italienische Partisan Rosario Bentivegna, dessen Beitrag unter der Überschrift »Widerstand war notwendig. Individuelle Verantwortung, bewaffneter Widerstand und Racheaktionen der Nazis« im Konferenzprogramm angekündigt war, bezog sich eigentlich noch auf den autobiographischen Teil seiner Ausführungen, als er »die Einheit verschiedener Menschen verschiedener Herkunft und Glaubensrichtungen« betonte, die es erst möglich gemacht habe, den Faschismus zu überwinden und folgerte: »So war es gestern, so ist es heute und so wird es morgen sein.«

Der Beifall, den er für diese Sätze von den rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der »Geschichtspolitischen Konferenz« der VVN-BdA, die am 24./25. April in der Berliner Humboldt-Universität stattfand, erhielt, bewies, dass er damit vielen aus dem Herzen gesprochen hatte. »Einspruch!« hieß der Konferenztitel und es ging um »Antifaschistische Positionen zur Geschichtspolitik 65 Jahre nach der Befreiung von Faschismus und Krieg«.

Die »Einsprüche«, aufgelistet im Einladungs-Faltblatt zur Konferenz, richteten sich gegen die zunehmenden Umwertungen und Neubewertungen historischer Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, gegen die Gleichsetzungen von Unvergleichbarem in Politik, Wissenschaft und veröffentlichter Meinung. Letztlich also gegen Versuche, mittels »antitotalitärer« Diskurse in Deutschland und Europa Ursachen und Wirkungen von Krieg und Faschismus geschichtsrevisionistisch zu verdrehen. Zu Konferenzbeginn wurden diese »Einsprüche« in einleitenden Thesen von den beiden Bundesvorsitzenden der VVN-BdA, Cornelia Kerth und Heinrich Fink, noch einmal präzisiert und pointiert.

Einig darin, dass Einspruch vielfach geboten ist, waren sich sowohl jene, die als »Sachverständige« die insgesamt vier Podiumsrunden bestritten, als auch die zahlreichen Interessierten im Plenum (eine in Berlin erscheinende Zeitung fand es danach in ihrem Konferenzbericht besonders erwähnenswert – und »erfreulich« – dass die Veranstaltung »hälftig von jungen Leuten« besucht worden war). Trotz des inhaltlichen Konsenses, dass es keine Relativierung und Verniedlichung der Verbrechen des Faschismus geben dürfe und dass den permanenten Versuchen, Nazizeit und NS-Regime mit der DDR gleichzusetzen, entschieden entgegengetreten werden müsse, mangelte es bei den einzelnen Themenblöcken keineswegs an kontroversem Diskussionsstoff.

Dafür sorgten die unterschiedlichen weltanschaulichen und politischen Wurzeln, die Arbeitsfelder und die oft recht verschiedenen theoretischen und wissenschaftlichen Ansätze der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den insgesamt vier Gesprächsrunden (zu Geschichts-»Neubewertungen«, zur Verwischung des Blickes auf Opfer und Täter, zu Wehrmachtsverbrechen und Militärpolitik und zum Umgang mit Gedenkstätten und Erinnerungsorten an die NS-Verfolgung).

Dennoch entsprach das Konferenzklima – bei allen Kontorversen im Detail – stets dem Anspruch, den Rosario Bentivegna für die Breite antifaschistischen Zusammenwirkens formuliert hatte. Das bedeutete nicht, dass Widersprüche unter den Teppich gekehrt wurden. Aber es geschah in einer Atmosphäre, die dazu ermunterte, gemeinsam dort weiterzumachen, wo Übereinstimmungen vorhanden sind und nicht zu versuchen, alles und jedes unter ein gemeinsames Dach zu bringen.

Schade war allerdings, dass durch die Fülle der interessanten Beiträge und die doch knapp bemessene Zeit – anders lässt sich aber wohl eine bundesweite Tagung schon wegen der An- und Abreisezeiten kaum organisieren – die Diskussionen in und mit dem Plenum notgedrungen meist kurz ausfallen mussten. Und dass auch für manche Podiumsteilnehmer – in der letzten »Runde« etwa für die Vertreter der Zentralräte der Juden und der Sinti und Roma – nur noch wenig Zeit blieb, ihre Positionen eingehender formulieren und zur Diskussion zu stellen zu können.

In seinem Schlussbeitrag erinnerte Adam König, Überlebender mehrerer Konzentrationslager, an die von den Nazis als »Asoziale« bezeichneten Häftlinge, denen bisher nirgends eine Entschuldigung, geschweige denn eine Entschädigung für ihre Leiden zuteil wurde.