Gedächtnisgestrüpp

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geschrieben von Thomas Willms

Zum Tode von Jorge Semprún

Juli-Aug. 2011

Der Spanier Jorge Semprún verstarb am 7. Juli 2011, der Niederländer Harry Mulisch am 30. Oktober 2010.

Auszüge aus der Rede von Jorge Semprún auf der Buchenwalder Befreiungsfeier 2010 sind in

antifa Mai/Juni 2010 nachzulesen.

Der Schriftsteller Harry Mulisch lässt seine Romanfiguren in »Die Entdeckung des Himmels« angesichts der auf dem Gelände des ehemaligen KZs Westerbork aufgestellten Radioteleskope über »historische Astronomie« fantasieren. Sie stellen sich vor, wie die Ereignisse im KZ in den Weltraum ausstrahlten, dort von irgendeinem Planeten reflektiert und Jahrzehnte später von den Teleskopen aufgefangen werden, so dass sich genau beobachten lässt was damals geschehen ist. So karikiert Mulisch die verbreitete Vorstellung von Erinnerung als einem ungebrochen auf die heutige Erde zurückkehrenden Gestern. Die Physik wäre allerdings auch die falsche Naturwissenschaft für Reflektionen dieser Art. Wenn wissenschaftliche Ergebnisse zu beachten sind, dann die von Neurobiologie und Psychologie, die sich seit langem mit den Phänomenen Erinnern und Vergessen beschäftigen.

Jorge Semprúns 1980 erschienener Roman »Was für ein schöner Sonntag« wirkt wie die literarische Diskussion ihrer Erkenntnisse. Seine Biografie war auch komplex genug für Romanstoffe, die an einer kontinuierlichen Realität zweifeln lassen. Vielsprachig, in vielen Ländern unter verschiedenen Namen gelebt habend, Résistance, KZ, noch Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als KP-Organisator illegal im francistischen Spanien arbeitend, trennte er sich 1964 von der KP Spaniens, weil er zu früh für sich entschied, was die Partei später selbst vollzog – die Trennung von der Sowjetunion. Und immer wieder Buchenwald. Ein Ettersberger Wintersonntag 1944 bildet den Rahmen des Romans, ein Tag, der ihn fast das Leben gekostet hätte, ihn zum Beinahe-Toten machte.

Erinnern, schreibt Semprún, bedeutet das Erlebte ins Gedächtnis zu rufen und es zu »gestalten«, es »sprachlich zu meistern«. Chronologie ist dabei ein von außen auferlegtes Korsett, eine »kulturelle Konvention«, die er durch Zeitsprünge umgeht. Der Roman besteht tatsächlich im Wesentlichen aus Abschweifungen und Ausflügen in andere Jahre, insbesondere 1960, 1964, 1969. Das Erinnern in den Jahren unterscheidet sich, es ist beeinflusst von den äußeren Bedingungen, von anderem Wissen, vom Wissen-Wollen und auch vom Gegenüber. Das Roman-Ich erinnert sich sogar an Erlebnisse, die es nicht gehabt haben kann. Die Lektüre eines Gulag-Berichtes 1969 evoziert Gefühle, Ängste und eine Art Erinnerung an eigene furchtbare Tage im Schnee. Andererseits vergisst das literarische Ich auch, sich einmal an etwas erinnert zu haben und trifft Prognosen, woran es sich wohl in Zukunft erinnern wird.

Der Zeitzeuge Semprún macht sich bei alledem angreifbar, befindet sich in großer Distanz zu anderen Zeitzeugen, die scheinbar mit ihrer Erzählung im Reinen sind. Semprún ist es nicht. Unschuldige Erinnerungen gibt es für ihn nicht. Dabei legen seine präzisen zeitlichen Zuordnungen der Erinnerungsebenen, -arten und -umstände alles bloß und ermöglichen paradoxerweise einen besonders authentischen Blick auf das Geschehene. Ausgerechnet der Skeptiker (für manche auch der »Renegat«) Semprún war es, der die Realität des Widerstandes im KZ Buchenwald und die bewaffnete Selbstbefreiung, an der er selbst beteiligt war, im vergangenen Jahr bei der Befreiungsfeier auf das Eindrucksvollste bezeugte. Er verabschiedete sich mit einer »heiteren, gelassenen und brüderlichen Erinnerung an jenen jungen Mann, der mit 22 Jahren eine Bazooka in seinen Händen hielt«.

Man kann Semprúns Roman als vieles lesen, als Erzählung über Buchenwald, die kommunistische Weltbewegung, über Goethe, den er 1944 über den Ettersberg wandeln lässt oder als bittere Abrechnung mit dem stalinistischen Terror: Seine grundlegende und bleibende Bedeutung ist es, Erinnern und Vergessen für Nachgeborene nachvollziehbar und verständlich gemacht zu haben.

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