Gegen Gleichgültigkeit

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geschrieben von Heinrich Fink

Elie Wiesel zum 80. Geburtstag

Nov.-Dez. 2008

Aus der Begründung des Nobelpreiskomitees: »Elie Wiesel ist einer der wichtigsten Wegweiser unserer Zeit. Er ist ein Zeuge der Vergangenheit und ein Mahner für die Zukunft. Seine Bücher verkünden die Botschaft des Friedens, der Versöhnung und der Menschenwürde.«

Vor 80 Jahren, am 1. Oktober, wurde Elie Wiesel in Sighdt, Siebenbürgen, geboren. 1944 wurde er mit seiner Familie, Verwandten und Nachbarn nach Auschwitz deportiert, seine Mutter und die jüngste seiner drei Schwestern wurden dort ermordet. Im Januar 1945 nach Buchenwald verschleppt, erlebte er die Selbstbefreiung des Lagers als lebensrettend. Seinem Vater hingegen war dies nicht mehr vergönnt. Als die Amerikaner für die endgültige Befreiung das KZ-Gelände betraten, so erinnerte sich Elie Wiesel, waren die geretteten Häftlinge noch immun gegen Gefühle wie Freude. Sie beteten das Kaddisch, das jüdische Totengebet.

Als Siebzehnjähriger findet er zurück in den Alltag. Ab April 1945 in Frankreich lebend, lernt er Sartre und Camus kennen, studiert und arbeitet als Journalist. 1963 wird er amerikanischer Staatsbürger, 1973 Professor in New York, 1978 in Boston für »Jüdische Studien«.

1986 bei der Verleihung des Friedensnobelpreises sagt er: »Ich habe mir geschworen, niemals zu schweigen, wann immer und wo immer ein Mensch zu leiden hat oder gedemütigt wird.« Jahrelang konnte er über Auschwitz nicht reden. Er musste erst die Worte finden, um das Unsagbare wahrheitsgemäß ausdrücken zu können. Doch dann tut er es unermüdlich: in Vorträgen, Vorlesungen und in mehr als 30 Büchern, unter anderem »Die Nacht«, »Jude heute« und »Geschichten gegen die Melancholie«. Er wird nicht müde zu betonen, dass nicht der Holocaust das Zentrum jüdischer Identität sein darf. »Diejenigen, die für ihr Judentum und für die Menschheit nichts anderes tun, als sich auf den Holocaust zu berufen, handeln falsch … es ist nicht das einzige Zentrum der langen jüdischen Erinnerung.« Der Opfer von damals zu gedenken, bedinge auch, nach den Opfern von heute zu fragen. »Mir wurde klar, dass in außergewöhnlichen Situationen, in denen es um das Leben und die Würde des Menschen geht, Neutralität zur Sünde werden kann: Sie hilft den Mördern, nicht den Opfern.«

In dieser Überzeugung bittet Elie Wiesel am 19. April 1985 in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung der »Goldenen Medaille des Kongresses« im Weißen Haus den Präsidenten inständig, mit Bundeskanzler Kohl nicht den Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen. Er solle bedenken, dass die von ihm dort erwiesene Ehre dann auch Gräbern der SS gilt. Das aber sei ein Verrat an den Opfern der SS.

Ronald Reagan ging trotzdem mit Helmut Kohl nach Bitburg und lieferte so dem in Deutschland gerade beginnenden Historikerstreit um die »Neubewertung des Nationalsozialismus« einen folgenschweren Vorwand.1991 haben Senat und Rektor der Humboldt-Universität Elie Wiesel eingeladen, die Rede zur Immatrikulation der Studenten zum Wintersemester zu halten. Weil ihm dieser Anlass wichtig war, kam er nur für diesen Tag extra aus den USA nach Berlin. Dort beschwor er die neu Immatrikulierten: »Aktive Zeitgenossenschaft bedeutet keine Gleichgültigkeit gegenüber aktuellen Ereignissen, wie zum Beispiel die alarmierende Ausländerjagd in Hoyerswerda.« Der Kampf gegen Gleichgültigkeit sei für ihn – nach und wegen Auschwitz – zum Schlüsselwort seiner Weltanschauung geworden. Weil deutsche Bürger zum Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn seit dem Judenboykott vom 1. April 1933 in Deutschland geschwiegen hätten und die Akteure der Weltpolitik nur mit diplomatischer Zurückhaltung auf die organisierten Verfolgungen reagiert hätten, habe er sich vorgenommen, gegen lebensvernichtende Gleichgültigkeit »anzuschreiben«, wo auch immer Menschen, Tieren und Natur das Existenzrecht eingeschränkt oder sogar bestritten würde. Denn für Elie Wiesel ist »der Gegensatz von Liebe nicht Hass, der Gegensatz von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, der Gegensatz von geistiger Gesundheit und von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn, der Gegensatz von Erinnerung ist nicht Vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes mal Gleichgültigkeit.«

Shalom, Elie Wiesel zum 80! Herzlichen Dank für ein zum »Recht auf Leben« aufrüttelndes Lebenswerk.

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