Heinkels Erbe

geschrieben von
Hannelore Rabe

5. September 2013

Ein Skandal – eine Expertenkommission – und eine Initiative

März-April 2010

Die Autorin wird als Vertreterin der VVN-BdA am 15./16. April auf dem Landesgedenkstättenseminar Mecklenburg-Vorpommern in Parchim zum Thema Heinkel referieren.

Leser der antifa erinnern sich vielleicht noch an Berichte aus Rostock: Eine Ausstellung des Förderkreises Luft- und Raumfahrt M-V e.V im August 2002 musste von der Kultursenatorin geschlossen werden. Es ging um Ernst Heinkel, die Rolle des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns vor allem in der Stadtgeschichte Rostocks, um Geschichtsverfälschung, Glorifizierung Heinkels, seiner Vorreiterrolle beim Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der Produktion und die Folgen seiner engen Zusammenarbeit mit der SS. Wochenlang stritten Befürworter und Gegner, es ging um »Technik und Verantwortung« und um die Aufarbeitung der Industriegeschichte der Stadt.

Im Juni 2004 nahm eine Expertenkommission von 17 Mitgliedern unter der Leitung von Prof. Dr. Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) ihre Arbeit auf. Angestrebt wurden Empfehlungen, in welcher Weise die Industrie- und Technikgeschichte vor allem hinsichtlich der Flugzeugindustrie und der Person Ernst Heinkel zur Zeit des NS-Systems aufgearbeitet und präsentiert werden können. Eine Liste mit konkreten Empfehlungen der Kommission wurde der Stadt übergeben.

Zwischen den Städten Rostock – Gelbensande – Ribnitz – Barth hinterließ der Heinkel-Konzern eine Spur der Technik und des Todes. Nach der Bombardierung Rostocks verlegte Heinkel seine Produktion auch nach Barth, er ließ dort mit Hilfe der SS ein Außenlager des KZ Ravensbrück errichten. Kurz vor Kriegsende begann er ein weiteres in Gelbensande aufzubauen. Material, Technik, Fachpersonal wurden von Rostock nach Barth gebracht, auf dem Rückweg wurden die toten Häftlinge in Kisten zusammen mit Flugzeugteilen nach Rostock transportiert, auf dieser Strecke trieb die SS hunderte Frauen und Männer auf den Todesmarsch Richtung Rostock.

Der Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e.V. (DOK-Barth) stellte sich dem Thema »Technik und Verantwortung« und erarbeitete 2006 eine Wanderausstellung:

»Der ‚Volksjäger‘ Heinkel He 162 im Jahr 1945 – Stationen der Hochtechnologie und Zwangsarbeit im heutigen Mecklenburg-Vorpommern«. Als diese Ausstellung gemeinsam mit einer neuen »Heinkel-Austellung« des Förderkreises Luft- und Raumfahrt im ehemaligen Rostocker Schifffahrtsmuseum gezeigt wurde, gab es wieder Diskussionen: »Wie könnt ihr – mit denen gemeinsam…?« Nun, wir konnten und der »mündige« Bürger sollte sich selbst ein Bild machen, vergleichen und auch über Heinkel urteilen.

Die Ausstellung der DOK-Barth besteht aus zwanzig Tafeln und widmet sich sowohl den technischen Parametern, der Erprobung und des legendären »Heinkel-Tempos« als auch den Arbeitssklaven aus dem KZ, dem Widerstand von Häftlingen und dem Ende der He 162 im KZ-Außenlager Barth.

Seit 2006 interessieren sich vor allem die Betreiber von Flugplätzen für diese Ausstellung u.a. Gatow, Altenburg, Barth, Rostock-Laage. Wenn die Präsentation ab April 2010 in Prora abgeschlossen ist, wandert sie auf den historischen Flughafen Schönhagen /Berlin. Am Rande der Ausstellung gibt es immer wieder interessante Gespräche mit Schülern, Studenten, Zivildienstleistenden und Soldaten der Bundeswehr. Dabei bemerken wir Angehörige der ältere Generation oft, dass wir Wissen und Zusammenhänge voraussetzen, über die die jungen Menschen gar nicht verfügen.

Deshalb erscheint es uns wichtig, anstelle von gut gemeinten Ratschlägen dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen ungehindert Zugang zu nicht verfälschten und manipulierten Fakten der Geschichte erhalten.