Hetze bis zum letzten Tag

geschrieben von
Andrea Röpke

5. September 2013

HDJ verboten – Jugenddrill wird weitergehen

Mai-Juni 2009

Für ihre mutigen Recherchen in der Neonaziszene erhielt die Journalistin Andrea Röpke am 11. März bei einer Feierstunde in der Botschaft der USA den »International Women of Courage Award« verliehen. Die Redaktion der antifa gratuliert!

Die letzte Ausgabe des Vereinsmagazines »Funkenflug« erschien nur wenige Tage vor dem Verbot der »Heimattreuen Deutschen Jugend« (HDJ) Ende März 2009 – sie war voller Provokationen. Obwohl der HDJ-Führung spätestens seit den bundesweiten Hausdurchsuchungen im Oktober 2008 klar sein musste, dass ein Vereinsverbot bevorstehen würde, machten sie unvermindert nach dem Motto: »BRD – Ihr könnt uns mal!« weiter.

Im Internet höhnte Bundesführer Sebastian Räbiger als presserechtlich Verantwortlicher des »Funkenflug«, man sei »hilfreich« gewesen im »Kampf dem Analphabetentum in deutschen Behörden«, die Durchsuchungsprotokolle seien von Rechtschreibfehlern und neuen Wortkreationen übersät gewesen.

Ein Autor namens »Tino« empfiehlt den jugendlichen und erwachsenen Lesern den »Neuromantiker« Emil Strauß als »begnadeten Schriftsteller«. Strauß habe im Gegensatz zu Kollegen wie Thomas Mann und Hermann Hesse »in der Zeit des dritten Reiches weiterhin sein Vaterland« unterstützt. Stolz wird berichtet, dass Strauß Mitglied der NSDAP und des Reichskultursenates gewesen sei. Die Texte des letzten HDJ-Heftes wirken noch pathetischer, noch eindringlicher als sonst. Manche gleichen einem Appell an die eigene Szene. »Wir suchen Männer von Wert« titelt einer der Autoren und setzt nach: »Eine Absage an die Sprücheklopfer und Pantoffelhelden aus unseren Reihen«. Die HDJ glaubt zu wissen wie Menschen »begeistert werden«, nämlich »vom gemeinsamen Lied, vom gemeinsamen Marsch und vom gemeinsamen Erlebnis«. Multifunktionärin Petra Müller aus Calw berichtet im HDJ-Heft über ihre Reise ins ehemalige Schlesien, im heutigen Südosten Polens. »Kaum auf polnischen Staatsgebiet überkommt mich Abscheu«, berichtet die Neonazistin und sechsfache Mutter nahezu ungehalten. Sie hetzt weiter: »Das ganze Land wird wie ein Räubernest genutzt.« Ihrer Ansicht nach »können die Polen hier ihre Schilder und ihren Müll verteilen, die Landschaft verschandeln und dergleichen, doch sie können damit nicht die Deutsche Geschichte dieses Landes verdecken oder gar auslöschen«.

Ungestört ging auch der neonazistische Jugenddrill weiter. Zur Jahreswende fand das HDJ-Winterlager – wahrscheinlich in der Region um Gör-litz in Sachsen – statt. Im Februar präsentierten sich zahlreiche HDJ-Anhänger selbstbewusst an der Spitze des Neonazi-Aufzuges zur Bombardierung Dresdens. Einige beteiligten sich danach wie in jedem Jahr am »Tollense-Marsch« im Raum Neubrandenburg, der laut Verfassungsschutz zu Ehren des Todestages von NS-Märyrer Horst Wessel durchgeführt wird. Bevor allerdings das große Osterlager stattfinden konnte, schlugen die Behörden zu, beschlagnahmten Computer, verbliebenes Vermögen, die Internetpräsenz der HDJ erlosch. Das Bundesamt für Verfassungsschutz räumte später ein, davon gewusst zu haben, dass zu Ostern etwas geplant sei. Ein Sprecher der Behörde geht davon aus, »dass die sich bemühen werden weiterzumachen«. Er setzt nach: »Zumindest ein Kernbereich von denen«.

Sicher, die Strategen der braunen Bewegung werden nicht auf eine eigene organisierte Kindererziehung verzichten. Sie setzen auch weiterhin auf junge fanatische »Freiheitskämpfer«, die Hitler glorifizieren, die Waffen-SS als Vorbild ansehen und das deutsche Reich neu errichten wollen. Ob als loser unauffälliger Untergrundzirkel, als Tarnverein oder in den Reihen einer NPD-nahen Jugendorganisation, deren Aufgabe wird es – wie bei der HDJ – sein »in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf mit Ehrgeiz und Ausdauer entscheidende Positionen zu besetzen«.