Nach Fahrplan deportiert

geschrieben von
Karl Forster

5. September 2013

Eine Ausstellung in Nürnberg über die Mitschuld der Deutschen
Bahn

Juli-Aug. 2010

Die Ausstellung läuft zum 31.Oktober. Sie wird von einer Reihe von Führungen, Vorträgen und Filmvorstellungen begleitet. Dabei ist der Besuch dieser Sonderausstellung in der normalen Eintrittsgebühr des Dokumentationszentrums (5 Euro, ermäßigt 3 Euro) enthalten. Damit auch polnische Jugendliche die Ausstellung besuchen können, hat die Deutsche Bahn AG für Reisen polnischer Schülergruppen kostenlose Bahn-Gruppenfahrkarten zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen: www.das-gleis-nuernberg.de

»Mit der Reichsbahn in den Tod« lautete der Titel des Buches, mit dem Heiner Lichtenstein 1985 die Rolle der Bahn bei der Abwicklung des Holocaust beleuchtete. Seinerzeit hatte die Bundesbahn noch große Probleme, zu ihrer Geschichte zu stehen. Zum großen Eisenbahnjubiläum (175 Jahre Deutsche Eisenbahn) kam jetzt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg eine besondere Ausstellung unter der Schirmherrschaft des ehemaligen polnischen Außenministers Wladislaw Bartoszewski zustande: »Das Gleis. Die Logistik des Rassenwahns«. Ihre Besonderheit: ein Live-Stream zu den Gedenkstätten in Polen.

Die Ausstellung will einen Blick auf das folgenschwerste Kapitel deutscher Eisenbahngeschichte werfen: die Verstrickung in den organisierten Massenmord durch das Nazi-Regime. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht dabei die Installation »Das Gleis« als künstlerisch vielschichtige Metapher: Lichtschienen in einem Gleisbett aus Zigtausenden von Kärtchen mit den Namen Deportierter münden in den auf eine Wand projizierten Torbau des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die szenografische Gleis-Installation will mit Hilfe von Video-Direktübertragungen aus den polnischen Gedenkstätten Belzec, Chelmno, Majdanek, Treblinka und Sobibor die Distanz zu den scheinbar weit entfernten Orten der Vernichtung, die damals zur Verschleierung der Verbrechen diente, überbrücken.

Ausstellungsort ist das erst vor neun Jahren eröffnete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, untergebracht in der von den Nationalsozialisten konzipierten, unvollendet gebliebenen monumentalen Kongresshalle. Dabei hat der Standort Nürnberg einen mehrfachen Bezug: Hier begann die Geschichte der deutschen Eisenbahn vor 175 mit der ersten Strecke von Nürnberg nach Fürth, hier verkündeten aber auch 1935, im Jubiläumsjahr 100 Jahre Eisenbahn, die Nazis ihre »Rassegesetze«. Diese »Nürnberger Gesetze« führten letztlich in logischer Konsequenz zu den Vernichtungslagern.

Die noch bis Oktober laufende Ausstellung »Das Gleis« reduziert dabei das Thema nicht auf die Rolle der Eisenbahn bei der Exekutierung des Holocaust, sondern schlägt einen Bogen vom programmatischen Rassenwahn über die Deportation von Millionen Menschen in den Tod bis in die Gegenwart. So wird durch die mediale Verkoppelung des Dokumentationszentrums mit den ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen erstmals aus dem Eisenbahn-Netzwerk des Todes ein Netzwerk der Erinnerung. Die Videokameras in den KZ-Gedenkstätten in Polen können von den Terminals in der Ausstellung aus über 360° bewegt werden, so dass sich die Besucher auch über die Distanz eine Vorstellung vom jeweiligen »Tat-Ort« machen kann.

Der erste Ausstellungsbereich »Rassenwahn. Von der Ausgrenzung zur Ausgliederung« beschäftigt sich mit den auf dem »Reichsparteitag der Freiheit« 1935 in Nürnberg erlassenen Rassegesetzen und seinen Ausführungsbestimmungen. In Dokumenten und Filmausschnitten wird gezeigt, wie die Juden schrittweise jeglicher Rechte, ihrer Menschenwürde und schließlich ihres Lebens beraubt wurden.

»Die Reichsbahn. Nach Fahrplan in den Tod« ist der Titel des zweiten Bereiches, der sich mit der Deportation der europäischen Juden durch deutsche – und in willfähriger Kooperation auch europäische – Eisenbahner befasst. Sie erfolgte mit der gleichen Effizienz wie Fracht- und Militärtransporte.

Auf sechs Ausstellungselementen, die grafisch an Güterwagen erinnern, werden im dritten Bereich »Deportation. Als Mensch verbucht, wie Vieh verladen« der Weg der Menschen auf dem Transport, durch die Ghettos, die Situation im Waggon, aber auch die Planung beispielsweise der »Aktion Reinhard« dargestellt.

Im letzten Ausstellungsbereich dominiert dann die geschilderte Gleis-Installation.

Eine weitere Besonderheit der Ausstellung besteht darin, dass sie wesentlich, sowohl inhaltlich wie finanziell, von der Deutschen Bahn unterstützt wurde. Dabei wird die Rolle der Bahn an keiner Stelle heruntergespielt. Dr. Susanne Kill, bei der Deutschen Bahn AG zuständig für die DB-Geschichtsschreibung, unterstrich bei der Eröffnungspressekonferenz, dass damals »genauso bereitwillig, wie die Massen nach Nürnberg zum Parteitag gefahren wurden, später der Transport der Opfer durchgeführt wurde«.