Projekt der Töchter

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geschrieben von Annette Neumann

50 Stolpersteine zur Erinnerung an den Berliner Arbeiterwiderstand

Juli-Aug. 2010

Die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation war eine der größten Widerstandsgruppen gegen die Nazidiktatur, verankert in zahlreichen Berliner Rüstungsbetrieben. Mehr als 500 Regimegegner gehörten zu diesem breiten Widerstandsnetz. 100 Frauen und Männer haben ihren Einsatz 1944/1945 mit dem Leben bezahlt.

Drei Töchter von zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern haben in den letzten Jahren das Projekt »50 Stolpersteine für den Arbeiterwiderstand« in Berlin realisiert. Die Tochter von Anton Saefkow, Bärbel Schindler-Saefkow, die in den USA lebende Tochter des Arztes Dr. Johannes Kreiselmaier, Susanne Riveles, und Annette Neumann, deren Vater Erwin Freyer ebenfalls 1944 zum Tode verurteilt, aber nicht mehr hingerichtet worden ist, haben sich auf Spurensuche in Berlin begeben. Die Bestandsaufnahme hat ergeben: Für 50 Männer und Frauen, die nach einem Todesurteil hingerichtet wurden, die im Konzentrationslager, in Untersuchungs- bzw. Strafhaft ihr Leben verloren, gab es keinerlei Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum. Diese Akteure des Berliner Arbeiterwiderstands sollten dem Vergessen entrissen und mit einem Stolperstein geehrt werden.

Unterstützt von VVN-BdA und der Gewerkschaft ver.di sind 2008 und 2009 in ganz Berlin Stolpersteine verlegt und mit Veranstaltungen in den jeweiligen Stadtbezirken eingeweiht worden.

Auf dem Weg zu diesen Stolpersteinen hatten wir viele anrührende Begegnungen mit Kindern und anderen Verwandten der ermordeten Widerstandskämpfer. Die Söhne und Töchter, die ohne Vater aufwuchsen, waren ein Leben lang belastet durch die dramatischen Ereignisse 1944/1945. Sie haben mit ihren traumatisierten Müttern gelebt, die die schwierige Nachkriegszeit bewältigen und die Last der Erinnerung allein tragen mussten. Nicht selten haben sie sich erst in Vorbereitung auf die Steinverlegungen zu den Ereignissen geäußert, die ihr Leben grundlegend beeinflusst haben.

So hat Edwin Bolien im Juni 2009 bei der Steinverlegung für seinen Vater Willi Bolien, zum ersten Mal öffentlich darüber berichtet, dass es am Wohnhaus seines Vaters in der Weddinger Maxstraße nach Kriegsende bereits eine Gedenktafel gab, die wiederholt zerstört, geschändet und schließlich entfernt worden ist. Der Schlosser Willi Bolien stürzte sich nach einem Gestapoverhör aus dem Fenster.

Sieben Stolpersteine erinnern an Reinickendorfer Mitstreiter, darunter der für Hans Schulz, der noch am letzten Hinrichtungstag im Zuchthaus Brandenburg, am 20. April 1945, unter dem Fallbeil gestorben ist. Vor seinem Haus in der Ernststraße fand eine Gedenkveranstaltung statt, an der viele Anwohner teilnahmen, darunter Ruth Strohschein, die Tochter von Hans Schulz, die Bezirksbürgermeisterin und Reinickendorfer Bezirksverordnete.

Mit Freude konnten wir zur Einweihung der Stolpersteine für Willi Jungmittag und weitere Akteure aus Prenzlauer Berg im Sommer 2009 die Töchter von Willi Jungmittag, Prof. Klara Lowy und Mary Gerda Brunacombe, begrüßen, die aus England und Frankreich angereist waren und die ihren Kindern zeigten, wo sie selbst geboren wurden und wo sie ihre frühe Kindheit verbracht hatten. Willi Jungmittag, der mit einer Engländerin verheiratet war, ist von den Nazis 1944 ermordet worden, weil er Bernhard Bästlein in seiner Wohnung versteckt und mit ihm zusammengearbeitet hat.

Der letzte Stolperstein galt Emil Wölk und wurde im Dezember 2009 im Beisein seines Sohnes, seiner beiden Töchter und weiterer Familienmitglieder eingeweiht. Eigentlich hätte der Stein in Spandau am Heimhort 5 b, dem letzten Wohnort, verlegt werden müssen, aber die zuständige Wohnungsbaugenossenschaft verweigerte dies. Schließlich haben wir eine gute Lösung gefunden: der Stein fand seinen Platz in der Kreuzberger Michaelkirchstraße, wo sich die Arbeitsstelle von Emil Wölk befand.

Wir hoffen, dass die Erinnerung an jene, die sich mutig der Nazidiktatur und dem Krieg entgegenstellten, wach bleibt und dazu beiträgt, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Menschenverachtung in der heutigen Zeit zurückzudrängen.

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