Rassismus & »Islamkritik«

geschrieben von
Alex Buchte (Redaktion Antifa Info Blatt, Berlin)

5. September 2013

Fünf unterschiedliche Blickwinkel auf antimuslimischen Rassismus

Juli-Aug. 2010

Kay Sokolowsky: Feindbild Moslem. Rotbuch Verlag, Berlin 2009, 256 Seiten

Wolfgang Benz(hrsg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Metropol Verlag Berlin 2008, 349 Seiten

Wolfgang Benz (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext – Dokumentation der Konferenz »Feindbild Muslim – Feindbild Jude«. Metropol Verlag Berlin 2009, 151 Seiten

Thorsten G. Schneider (Hrsg.): Islamfeindlichkeit – Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. VS Verlag, Wiesbaden 2009, 483 Seiten

Iman Attia: Die westliche Kultur und ihr Anderes – Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Transcript Verlag, Bielefeld 2009, 182 Seiten

Wir danken der Redaktion des monitor (Rundbrief des apabiz e. V.) für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck diese Beitrages aus ihrer Juni-Ausgabe

Kay Sokolowski zeichnet nach, in welchem gesellschaftlichen Klima der antimuslimische Rasismus heute seine Wirkungsmächtigkeit erlangen konnte und spannt einen Bogen von der rassistischen Mobilmachung der Nachwendezeit bis zum »Spiegel«, der in seinen Coverstories immer wieder die drohende »Islamisierung« an die Wand malte und so massiv Stimmung gegen Muslime machte. Es werden Protagonisten der »Islamkritik« vorgestellt, von Henryk Broder über Ralph Giordano und die »Kronzeuginnen« Necla Kelek und Seyran Ates, die, wenn auch im Ton teilweise sehr polemisch, durchaus differenziert dargestellt werden. Das Buch bietet einen guten Überblick und eignet sich durch seinen journalistischen Stil sehr gut zum Einstieg ins Thema.

Einen wissenschaftlicheren und vertiefenden Blick bieten das Jahrbuch für Antisemitismusforschung (Bd. 17) und die Dokumentation der Konferenz »Feindbild Muslim – Feindbild Jude«, beide herausgegeben von Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin. Benz und das ZfA haben den Anspruch, die Erkenntnisse der Antisemitismusforschung zur Entwicklung einer umfassenden Vorurteilsforschung zu nutzen. Konsequenterweise beschäftigt man sich seit geraumer Zeit also auch mit der Feindschaft gegenüber den Muslimen. Das Jahrbuch behandelt das »Feindbild Islam« als Schwerpunkt und untersucht die Debatten um Moscheeneubauten, Kopftuch und »Parallelgesellschaften«. Weitere Beiträge behandeln Islamfeindschaft im Web 2.0 oder die Möglichkeiten pädagogischer Intervention bei antisemitischen Einstellungen von deutschen Jugendlichen mit muslimischem/arabischem Hintergrund.

Lohnender, weil umfangreicher, ist die Lektüre des Bandes »Islamfeindschaft und ihr Kontext«. Auch hier finden sich Beiträge zu den oben erwähnten Themen, teilweise von den selben Autorinnen und Autoren, des weiteren aber auch ergänzende Kommentare und eine Dokumentation der abschließenden Podiumsdiskussion der Konferenz. Benz und das ZfA waren dafür kritisiert worden, dass sie eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamfeindschaft betrieben und Antisemitismus so verharmlosen würden. Dass der Band mit einem Artiel zu »Antizionismus und islamistischer Antisemitismus« schließt, wird diesem Fakt geschuldet sein, wäre aber nicht nötig gewesen, da sich die Vorwürfe nach der Lektüre des Bandes ohnehin als unhaltbar erweisen.

Der Sammelband von Thorsten G. Schneider (Hrsg.) bietet den bis dato wohl umfassendsten Überblick des aktuellen Forschungsstandes. In 28 Beiträgen werden die Genese antimuslimischer Vorurteile in der deutschen Gesellschaft, die aktuelle Lage, die institutionalisierte und die personelle Islamfeindlichkeit von nahezu allen Seiten beleuchtet – von der »Türkengefahr« in der frühen Neuzeit über die Koranexegese als Werkzeug der Moslemfeinde bis zur Analyse der bekanntesten »Islamkritiker«. Einziger Wermutstropfen ist der hohe Preis.

Eine postkoloniale Perspektive nimmt Iman Attia in ihrem Band »Die ‚westliche Kultur‘ und ihr Anderes« ein. Sie klärt auf, welcher Kulturbegriff die Debatte um »den Islam« prägt und wie in dieser Debattedie kulturelle Hegemonie der Mehrheitsgesellschaft diskursiv reproduziert wird. Nachvollziehbar beschreibt sie, wie soziale, ökonomische und politische Phänomene kulturalisiert werden und so die Dichotomie vom »Westen« und vom »Islam/Orient« ständig fortgeschrieben wird. Hierbei bezieht sie sich unter anderem auf den postkolonialen Theoretiker Edward W. Said und sein Konzept des »Othering« und beschreibt, wie Menschen als Muslime markiert und so zum »anderen« gemacht werden. Gut verdeutlicht sie die Wirkmächtigkeit und den gewalttätigen Charakter, den diese Konstruktionen besitzen. Dieses Buch ist sicher das am meisten fordernde, besticht aber durch seine Radikalität und herrschaftskritische Perspektive.