Stolpersteine für Frankfurt und Slubice

geschrieben von
Jan Musekamp

5. September 2013

Gemeinsames Gedenken an der deutsch-polnischen Grenze. Von Jan Musekamp

Juli-Aug. 2010

Dr. Jan Musekamp ist Historiker an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)

Nähere Informationen zum Projekt des Instituts für angewandte Geschichte sowie die aktuellen Stolpersteinverlegungen unter

www.instytut.net

www.stolpersteine-ffo.de

Virtueller Stadtspaziergang demnächst unter:

www.juedischesfrankfurtvirtuell.de

Seit 2006 existiert eine Projektgruppe zur Verlegung von Stolpersteinen in Frankfurt an der Oder, die von Carsten Roman Höft (Historischer Verein zu Frankfurt/Oder e.V.) und Gerhard Hoffmann (Bund der Antifaschisten VVN-BdA e.V.) getragen wird. Bis 2009 konnten durch die Unterstützung zahlreicher Spenderinnen und Spender insgesamt 42 Steine zur Erinnerung an Frankfurter Opfer des Nationalsozialismus verlegt und der Stadt damit ein Teil ihrer vergessenen und häufig verdrängten Geschichte zurückgegeben werden. 2010 werden weitere 25 Steine folgen.

Die meisten Opfer stellte auch in Frankfurt derjenige Teil der Bevölkerung dar, der gemäß der Definition der Nazis als Juden eingestuft wurde. Dies geschah ungeachtet der Tatsache, dass die Frankfurter jüdische Bevölkerung sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich gut integriert war und sich als loyale Bürger der Stadt und des Staates fühlte. Die Frankfurter jüdische Gemeinde war die zahlenmäßig größte der Mark Brandenburg und Wiege solch bekannter Menschen wie des modernen Architekten Konrad Wachsmann oder des »Eichmann-Jägers« Zvi Aharoni. Antisemitische Übergriffe waren vor 1933 selten, häuften sich aber nach Hitlers Machtergreifung und machten einigen Frankfurtern das Leben zur Hölle. Eine weitere gefährdete Gruppe stellten Antifaschistinnen und Antifaschisten dar, die aufgrund ihrer Tätigkeit in Gewerkschaften und politischen Parteien verfolgt wurden und häufig den Tod fanden – nicht nur in bekannten Konzentrationslagern wie Buchenwald sondern auch in dem im heute polnischen Slonsk gelegenen Konzentrationslager Sonnenburg. Verfolgungen fanden hier wie andernorts aber auch aufgrund der religiösen Überzeugung statt.

2008 kam es zu einer Kooperation zwischen der Frankfurter Stolpersteininitiative, der Europa-Universität Viadrina und dem Institut für angewandte Geschichte. Ziel dieser Zusammenarbeit war die Einbeziehung größerer Bevölkerungskreise in die Aktivitäten rund um die Verlegung von Stolpersteinen. Im Rahmen eines durch das Bundesprogramm »Vielfalt tut gut« geförderten Projekts wurde eine Bestandsaufnahme der bisher verlegten Stolpersteine vorgenommen und eine Broschüre mit den wichtigsten Lebensdaten der Opfer erstellt. Darüber hinaus fand eine Abendveranstaltung gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Frankfurt (Oder) statt, in deren Mittelpunkt der aus Frankfurt stammende Holocaust-Überlebende Heinz Vater stand. Im Rahmen der Stolpersteinverlegung 2009 wurde der Stolpersteinfilm von Dörte Franke gezeigt und eine Diskussion mit Gunter Demnig sowie lokalen Akteuren und Angehörigen der Universität organisiert. In diesem Jahr wird das Projekt mit weiteren deutsch-polnischen Veranstaltungen fortgesetzt. Zur Zeit entstehen die polnische Version des Dokumentarfilms »Stolpersteine«, ein Audioguide sowie ein virtueller Stadtspaziergang.

Das Innovative an diesen Projekten ist die Einbeziehung auch der polnischen Stadt Slubice direkt östlich der Oder, die bis 1945 als Dammvorstadt zu Frankfurt (Oder) gehört hatte. Slubice war nach 1945 von polnischer Bevölkerung besiedelt worden, die mit der deutschen Geschichte der Stadt wenig verbindet. Es sind insbesondere zweierlei Orte, die hier im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft von Bedeutung sind, und zwar der jüdische Friedhof – einer der ältesten und größten in diesem Teil Europas – und die Wohnorte von den in linken Parteien und Gewerkschaften organisierten Arbeitern, die den Tod in Konzentrationslagern oder Gefängnissen gefunden haben und häufig im ärmeren Stadtteil rechts der Oder wohnten. Der jüdische Friedhof überstand den Zweiten Weltkrieg zwar weitgehend unbeschadet, fiel jedoch danach der Verwahrlosung und schrittweisen Zerstörung anheim. Erst in den letzten Jahren hat eine Restaurierung in enger Kooperation polnischer jüdischer Vereine mit der Stadt und Lokalhistorikern eingesetzt. Mit der Verlegung des Stolpersteins für den politischen Aktivisten Karl Ritter 2009 konnte nicht nur der zweite Stolperstein in Polen überhaupt (nach demjenigen für Edith Stein in Breslau) verlegt werden, auch kann dieser Stein als Brücke dienen zwischen der polnischen Gegenwart der Stadt und der deutschen Vergangenheit: Karl Ritter zeigt den Bewohnerinnen und Bewohnern Slubices auf anschauliche Weise, dass auch Teile der deutschen Bevölkerung unter den Nationalsozialisten zu leiden hatten, es also auch eine gemeinsame deutsch-polnische Unterdrückungsgeschichte gibt – ergänzend zu dem Bild von den Deutschen als Aggressoren des Zweiten Weltkrieges, die ohne jeden Zweifel unermessliches Leid über die Bevölkerung Polens gebracht haben. Die gute und problemlose Zusammenarbeit mit den Slubicer Behörden – Bürgermeister Ryszard Bodziacki persönlich übernahm die Patenschaft – und das positive Echo in den polnischen Medien und der Bevölkerung lassen hoffen, dass auch der in diesem Jahr hier verlegte Stolperstein für das KPD-Mitglied Erich Schulz für eine historische Brücke zwischen Frankfurtern und Slubicern sorgt.