Vernünftiger Optimismus

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geschrieben von Thomas Willms

In Frankreich ein Millionenseller: »Empört euch!«

März-April 2011

Stéphane Hessel wurde 1917 in Berlin als Sohn einer Künstlerfamilie geboren und wuchs in Frankreich auf. Er schloss sich der gaullistischen Résistance an, wurde ins KZ Buchenwald verschleppt und dort durch den kommunistischen Widerstand gerettet. Nach 1945 wurde er Diplomat, vor allem bei der UNO. Er ist Mitverfasser der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte«. Der hoch ausgezeichnete Hessel setzte sich zeitlebens für die Dekolonialisierung und die Durchsetzung der Menschenrechte ein.

Die deutsche Fassung von »Empört euch!« ist im Februar erschienen und kostet 3,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Michael Kogon, dessen Vater, Eugen Kogon, an der Rettung Hessels in Buchenwald beteiligt war.

Im Jahre 1898 veröffentlichte Émile Zola seinen berühmten, zum Schlagwort gewordenen Offenen Brief an den Präsidenten der Französischen Republik »J’accuse …!« (»Ich klage an…!«), der die Dreyfus-Affäre auslöste. Zola ging in seinem Text wie folgt vor: Er beschwor »La France« und dessen Werte »Wahrheit« und »Freiheit«, um dann zu beklagen, dass diese heute in Gefahr geraten seien und dringend etwas zu unternehmen sei. Erst nach dieser freundlichen Einleitung kam Zola zur Sache, und zwar zur Enttarnung der antisemitischen Verschwörung, deren Opfer Dreyfus, der erste Jude im französischen Generalstab, geworden war.

Ein kleiner französischer Verlag (Indigène édition) hat diese Streitschriftenkultur wieder aufgenommen und eine ganze Reihe von Heften unter dem Motto »Die gegen den Wind marschieren« herausgebracht, die sich den Themen »Ungehorsam« und »Widerstand« widmen. Einen ungeheuren, den Verlag wohl überfordernden, Erfolg entfaltete in den letzten Monaten eine dieser kleinen Schriften in Frankreich. Der mit vielen Ausrufezeichen versehene Text »Indignez vous!« (»Empört euch!«) erreicht in unserem Nachbarland die Auflage von einer Million Exemplaren. Während in Deutschland Thilo Sarrazin auf den Kiosktresen aufgestapelt wird, ist es in Frankreich Stéphane Hessel. Damit sind die Franzosen bei weitem besser dran. Statt der verkniffenen Aggression Sarrazins erlebt der Leser bei Hessel einen sehr persönlich gehaltenen, anrührenden, freundlichen und optimistischen Text (»man muss immer hoffen«), der auf dem reichen Erfahrungsschatz des Autors beruht. Hessel, alt genug, um fast noch Zeitgenosse Zolas gewesen zu sein, belehrt nicht. Er erzählt und bietet Optionen an. Seine Empörung ist nicht so sehr emotional geprägt wie man vermuten könnte, als vielmehr vom Sartreschen Existentialismus beeinflusst. Davon, dass man sich für etwas entscheiden muss, um seine Individualität zu entfalten.

Hessel geht ähnlich vor wie Zola. Sein Bezugspunkt sind »die republikanischen Werte und Prinzipien« wie sie 1944 vom »Nationalen Widerstandsrat« (»Conseil National de la Résistance«) formuliert wurden, sowie dessen Programmatik für die Nachkriegszeit. Umfassendes Sozialstaatsgebot und Kontrolle der Monopole, das war es was man wollte, worauf man hoffte und es formal in Teilen auch erreichte. Die Einführung der Sozialversicherung und die 1945 erfolgte – heute teilweise rückgängig gemachte – Nationalisierung von Banken und Konzernen fanden damals statt. Eingang fand dieser Ansatz in die 1948 von der UNO verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die nicht nur politische, sondern auch kulturelle und soziale Rechte festschreibt.

Hessels vehemente Anklage richtet sich sodann gegen die Rechtlosigkeit der »Sans-Papiers« und der Roma, gegen die wahnwitzige Spaltung von Arm und Reich im eigenen Land und in der ganzen Welt, gegen die Selbstherrlichkeit des Finanzkapitals, über das jede Kontrolle verloren gegangen sei. Er konzediert, dass es ihm selbst immer leicht gefallen sei, Empörenswertes zu erkennen; die deutsche Besatzung, den Kolonialismus, den stalinistischen Terror. Seine ganz persönliche Empörung gelte heute den Zuständen im Gaza-Streifen, den er selbst mehrmals besucht habe.

So sehr Hessel für eine »insurrection pacifique«, einen friedlichen Aufstand plädiert, in diesem Fall mag er nicht verurteilen: »Ich denke, es ist offensichtlich, dass der Terrorismus unakzeptabel ist, aber man muss doch erkennen, dass, wenn man von einer unendlich überlegenen Militärmacht besetzt ist, die Reaktion darauf doch gar nicht gewaltfrei sein kann.« Die Erinnerungen an den hoffnungslosen Überlebenskampf der Gaza-Bewohner verfolgen ihn. Sein Plädoyer für Gewaltlosigkeit argumentiert mit dem Effizienzkriterium. Terror und Gewalt seien auf Dauer einfach nicht geeignet etwas zu erreichen, schon gar nicht Demokratie, Freiheit und sozialen Fortschritt.

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