Völkische Bestandsaufnahme

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geschrieben von Renate Hennecke

»Totaleinsatz« und »Eindeutschung« in der
Tschechoslowakei 1939 bis 1945

März-April 2012

Nachdem sie von August 2010 bis Anfang Januar 2012 in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora Nordhausen zu sehen war, wurde die Wanderausstellung »Im Totaleinsatz – Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung für das Dritte Reich« vom 19. Januar bis zum 10. Februar im Leipziger Neuen Rathaus gezeigt. Nächste Station der Ausstellung soll Frankfurt/Main sein (15. Mai bis 29. Juni 2012 im Institut für Stadtgeschichte).

Zwischen 450.000 und 600.000 Tschechen mussten 1939 bis 1945 Zwangsarbeit für das »Dritte Reich« – tschechisch: »totalní nasazeni« (Totaleinsatz) – leisten. Eine Ausstellung hierzu wurde vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Berlin-Schöneweide) der Stiftung Topographie des Terrors erarbeitet. Sie zeigt die Entwicklung von der Werbung (mehr oder weniger) freiwilliger Arbeitskräfte aus dem besetzten Protektorat Böhmen und Mähren für Arbeitseinsätze im Reich über die Zwangsrekrutierung ganzer Jahrgänge bis hin zur Sklavenarbeit von KZ-Häftlingen und zur »Vernichtung durch Arbeit«. Ein eigener Abschnitt behandelt den Kampf um die Entschädigung der Betroffenen.

In der Ausstellung wird zudem ein Zusammenhang zwischen »Totaleinsatz« und dem Schicksal hergestellt, das die Nazis dem tschechischen Volk zugedacht hatten. Gezeigt wird ein Memorandum des Präsidenten des Zentralverbands der Industrie für Böhmen und Mähren, Bernhard Adolf, vom Januar 1941. Überschrift: »Die Aufgaben der Wirtschaft bei der Eindeutschung des Protektorates Böhmen u. Mähren.« Der oberste Wirtschaftsfunktionär der Besatzungsmacht nennt zunächst als Ziel deutscher Politik die »integrale Lösung der tschechischen Frage, d.h. die Eindeutschung des gesamten böhmisch-mährischen Raumes, des geopolitischen Zentrums des Großdeutschen Reiches, und die Vernichtung des Tschechentums als eigenständigen Volkes in diesem Raum, keineswegs aber lediglich die ‘Sicherung der deutschen Ostgrenze’ oder etwa die Eindeutschung eines Teilgebietes dieses Landes«.

Zur Lösung der »tschechischen Frage« empfahl Adolf: Eindeutschung (Verminderung des »tschechischen Volksbestandes«: ca. 50 %), Auswanderung (ca. 10 % in 30 Jahren), »Einschränkung der Geburtlichkeit« (3 – 5 %), »radikale Ausmerzung der tschechisch-jüdischen Mischlinge« (5 %). »Sind auf diese Weise etwa 70 % des tschechischen Volkes in diesem Raume liquidiert, so ist der Rest von 30 %, der zum Großteil aus einem rassischen Untermenschentum besteht, dessen Assimilation unerwünscht ist, soweit in seiner Bedeutung gesunken, dass er ohne Schwierigkeiten ausgesiedelt oder sonst unschädlich gemacht werden kann.«

Ähnlichen Vorstellungen folgte ab Oktober 1941 die Politik des neuen »starken Mannes« im Protektorat, Reinhard Heydrich. Die Verwirklichung derartiger Pläne musste allerdings noch zurückgestellt werden. Es gab nicht genug Deutsche, um gleichzeitig Krieg zu führen und alle besetzten Gebiete zu besiedeln. Vorbereitende »Nahaufgaben« sollten jedoch schon während des Krieges angepackt und »so gelöst werden, dass sie später die Basis bilden für die tadellose Durchführung der Endziele«.

Als wichtigste Nahaufgabe betrachtete Heydrich die »völkische Bestandsaufnahme« der gesamten tschechischen Bevölkerung nach den Kriterien »Rasse« und »Gesinnung«. »Gutrassige Gutgesinnte« sollten assimiliert, »schlechtrassige Schlechtgesinnte« nach Osten deportiert werden. »Schlechtrassig Gutgesinnte« müssten im Reich eingesetzt und daran gehindert werden, Kinder zu kriegen. Bei den »gutrassig Schlechtgesinnten« müsse man dagegen versuchen, sie »gesinnungsmäßig zu erziehen« und einzudeutschen oder, »wenn das nicht geht, sie endgültig an die Wand stellen«; denn aussiedeln könne man sie nicht, »weil sie drüben im Osten eine Führerschicht bilden würden, die sich gegen uns richtet«.

Die Ungeheuerlichkeit der »völkischen Bestandsaufnahme« sollte heimlich geschehen. Im Mai 1942, kurz bevor er durch ein Attentat getötet wurde, meldete Heydrich seinem Führer: »Fünf Röntgenzüge – von denen einer seine Arbeit bereits aufgenommen hat – werden in Verbindung mit Kommandos, bestehend aus Rasseprüfern des R.u.S.-Hauptamtes, die gesamte Bevölkerung einer Reihenuntersuchung unterziehen und die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die spätere Eindeutschung liefern. Der Bevölkerung gegenüber ist mit allen verfügbaren Propagandamitteln die Notwendigkeit der systematischen Tuberkulose-Bekämpfung, die als offizieller Deckmantel dient, nahe gebracht worden.«

Das Wissen um die Germanisierungspläne der Nazis trug viel dazu bei, dass die weitere Anwesenheit von Deutschen in der Tschechoslowakei von den meisten Tschechen als Bedrohung empfunden wurde und die Alliierten entsprechende Überlegungen anstellten. Noch immer wird von interessierter Seite behauptet, die deutschstämmige Bevölkerung der Tschechoslowakei sei nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden, »nur weil sie Deutsche waren«. Die Ausstellung »Im Totaleinsatz« vermittelt Einblicke in die tieferen Zusammenhänge.

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