War die frühe BRD sexy?

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geschrieben von Ernst Antoni

Eine Untersuchung über die Zeit des »Kampfes um Sittlichkeit und
Anstand«

Mai-Juni 2011

Sybille Steinbacher »Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik«, Siedler Verlag München, 576 S., 28,00 Euro

»Wie der Sex nach Deutschland kam«, steht in Großbuchstaben auf dem Umschlag, das Wörtchen »Sex« leuchtet rot heraus. Daneben im Foto zwei übereinander geschlagene Frauenbeine, ein Stück hochgerutschter Rock und markant in der Bildmitte ein Stöckelschuh. Gäbe es nicht noch einen erklärenden Untertitel, hätte all das eine Anmutung von westlichem Alleinvertretungsanspruch mit Pfennigabsatz. Der Untertitel aber präzisiert und gibt den zeitlichen Rahmen vor: »Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik«.

Mag sein, dass die Umschlaggestaltung bei manchen Betrachtern Wünsche freisetzt, die von dem grundsoliden wissenschaftlichen 576-Seiten-Werk – davon rund ein Drittel Anmerkungen – nicht so direkt befriedigt werden. Die Verfasserin, Sybille Steinbacher, Jahrgang 1966, damals in München in die Endphase des von ihr jetzt im Buch behandelten Zeitraums hineingeboren, ist seit 2010 Geschichtsprofessorin in Wien. Dort gehören NS-Zeit und Holocaust zu ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten. Kultur- und alltagshistorische Ansätze haben in Steinbachers Untersuchungen seit ihrer ersten größeren Veröffentlichung (»Dachau – Die Stadt und das Konzentrationslager in der NS-Zeit. Die Untersuchung einer Nachbarschaft«, Frankfurt/M. 1993) oft besonderes Gewicht.

Die Ausgangsthese bei »Wie der Sex nach Deutschland kam« lautet: »Muffig und verklemmt waren die langen fünfziger Jahre, eine Epoche der Prüderie und Lustfeindlichkeit. So jedenfalls wird die Zeit bis zum Ende von Adenauers Kanzlerschaft gern dargestellt. Doch dieses Bild stimmt nicht.« In drei übergreifenden Themenfeldern – »Sittlichkeit und Staatsräson«, »Kinsey und der Fortschritt«, »Konsumzeitalter und sexuelle Befreiung« – beschreibt Steinbacher gesellschaftliche Widersprüche in den untersuchten Zeiträumen und findet oft Enthüllendes.

Im »Staatsräson«-Abschnitt etwa, wo man meint, doch einiges zu wissen über den einstigen Wirbel um den Hildegard-Knef-Film »Die Sünderin« oder einschlägige Theaterzensurakte in Bayern, finden sich unerwartet diffizile Bezüge zur NS-Zeit. Waren unter den im »Kampf gegen Schmutz und Schund« Engagierten in der frühen BRD doch auch Vertreter eines katholischen Fundamentalismus, die sich in der NS-Zeit durchaus widerständig gezeigt hatten und dafür eingesperrt waren. Was dann Anwälte der selbst ernannten »Sittenwächter« in Prozessen, die auf deren Radauaktionen in Kinos folgten, zu fragwürdigen Vergleichen mit verfolgten Juden und Nazigegnern hinriss.

»Schmutz und Schund« US-amerikanischer Herkunft oder das, was dafür gehalten wurde, spielte, wie die Autorin, dokumentiert, überdies auch in propagandistischen Kalte-Kriegs-Auseinandersetzungen zwischen DDR und BRD eine Rolle, wodurch sich manchmal seltsame Schulterschlüsse ergaben. Beim offiziellen »Schmutz- und Schund-Begriff« in der BRD, beim Wirken der »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften« oder den Aktivitäten des rechtskatholischen »Volkswartbundes« allerdings ging es fast immer ums Nackte und »Unsittliche«. Oder um Comic Strips.

Aber, so Steinbacher: »Eine stattliche Anzahl von Comicreihen wurde Mitte der fünfziger Jahre schon wieder eingestellt. Also befasste sich die Bundesprüfstelle mit Krimis, Detektiv-, Wildwest- und Piratenromanen – mit kriegs- und NS-verherrlichenden Schriften indes noch lange nicht. Es vergingen viele Jahre, ehe allmählich auch die (zeitgenössisch nicht so bezeichnete) politische Pornographie ins Bild rückte.«

Erstaunliches bringt das Kapitel zum Kinsey-Thema ans Licht. Mit dem gewaltigen Medienecho, das die Veröffentlichungen des US-Wissenschaftlers Alfred C. Kinsey zum Sexualverhalten von Frauen und Männern begleitete, rückte der Kinsey-Kritiker und Sexualwissenschaftler Hans Giese (1920 – 1970), der bis heute als eher »fortschrittlich« gilt, ins öffentliche Blickfeld.

Die Autorin nimmt die Tätigkeit von Gieses Institut in den 50er-Jahren unter die Lupe. Sie listet auf, wen er sich (damals Seit an Seit mit dem konservativen Soziologen Helmut Schelsky) ins Boot holte: den »Rassehygieniker« Otmar von Verschuer etwa, in der NS-Zeit verantwortlich für KZ-Experimente an Menschen, nach dem Krieg Professor für Humangenetik in Münster, den Psychiater Hans-Bürger-Prinz, als Mitglied eines »Erbgesundheitsgerichts« für »Euthanasiefälle« zuständig, nach 1945 wieder renommierter Professor und Mentor des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Giese. Die Autorin spricht von einem »intellektuellen Netzwerk von Medizinern, die ihn (Giese) unterstützten«, unter denen sich »auffallend viele Exponenten der einstigen NS-Ärzteschaft« befunden hätten.

Das Ende von Muffigkeit, autoritärer Bevormundung und »Verbotsorientierung als Mittel gesellschaftlicher Ordnung« setzt Sybille Steinbacher mit »der Etablierung des Sozialstaats Ende der fünfziger Jahre« an. Gerade auf diesem Sektor herrscht heute zügiger Rückbau. Kein Wunder, dass dieses Land schon wieder so wenig sexy wirkt.

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