Was ist »die Antifa«?

Drucken

geschrieben von Ulrich Schneider

Neue Studie zu einer heterogenen Bewegung

März-April 2012

Keller, Mirja/ Kögler, Lena/ Krawinklel, Moritz/ Schlemermeyer, Jan: Antifa, Geschichte und Organisation, Stuttgart 2011, 169 S., Schmetterling Verlag, ISBN 3-89657-665-8

In der politischen Arbeit trifft man auf verschiedene Gruppen, die in ihrem Namen oder in ihrer Selbstbeschreibung den Begriff »Antifa« führen. In der Regel ist es einfach, mit ihnen punktuell gegen Neonaziprovokationen oder andere rechte Aktivitäten zusammenzuarbeiten. Sobald es aber um längerfristige Bündnisse oder die Formulierung gemeinsamer Aufrufe geht, werden inhaltliche Unterschiede sichtbar. Diese Unterschiede besser verstehen zu können, hilft ein Blick in eine neue Studie aus der Reihe »theorie.org« des Schmetterling-Verlages zum Thema »Antifa«. Vier Mitstreiter aus der Frankfurter Antifa-Szene skizzieren in diesem Buch Geschichte und politische Zugänge bzw. Programmatik der verschiedenen Gruppen, die in der Antifa-Bewegung agieren.

In den ersten Kapiteln gehen die Autoren auf die Entwicklung der antifaschistischen Bewegung in der Weimarer Zeit, im Widerstand und in der alten Bundesrepublik ein. Es spricht für diese Untersuchung, dass die Autoren auch die historischen Wurzeln des Antifaschismus ernsthaft in den Blick nehmen, darunter auch die Gründungsgeschichte und ersten Jahre der VVN, auch wenn ihr Fokus auf der Bewegung seit 1990 liegt. Damit vermeiden sie eine ahistorische Perspektive, wie sie von manchen Gruppen praktiziert wird, die zwar die Symboliken der Weimarer Zeit pflegen, jedoch die theoretischen und bündnispolitischen Erfahrungen aus dieser Arbeit nicht reflektieren. Wie die Verfasser schreiben, sind sie in dieser historischen Perspektive durch Gespräche mit Peter Gingold unterstützt worden.

Positiv zu vermerken ist die Tatsache, dass die Autoren die verschiedenen Gruppierungen in der antifaschistischen Bewegung sachlich und korrekt nachzeichnen, ohne Partei für eine der Richtungen zu ergreifen. Damit gelingt es ihnen, im Rückblick die verschiedenen Gruppen und Strukturen in ihrer politischen Wirksamkeit und ihrem Einfluss auf das reale politische Geschehen angemessen nachzuzeichnen. Dazu gehört beispielsweise für die 80er Jahre eine angemessene Darstellung der Arbeit des »Kommunistischen Bundes« oder das Nachzeichnen der Anfänge der »Autonomen Antifa« aus der Basisgruppenbewegung. In ihrer Darstellung reflektieren die Verfasser nicht nur die Aktivitäten und politischen Projekte der Gruppen, sondern auch deren theoretischen Fundamente und ihre Ambivalenzen, wie beispielsweise die »Faschisierungs-These«, die in der bundesdeutschen »Antifa-Bewegung« der 80er Jahre große Verbreitung fand.

Offenkundig von persönlichen Erfahrungen in den jeweiligen Organisationsansätzen geprägt, erläutern die Verfasser im zweiten Teil des Buches die Entwicklung der »Antifa-Konzepte« in den vergangenen zwanzig Jahren, die einerseits von politischer Differenzierung, andererseits von Ansätzen der überregionalen Vernetzung in der »Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation« (AABO) geprägt wurden. Diese politische Strömung versuchte auch eine gemeinsame inhaltliche Grundlage zu entwickeln, die nicht allein das Aufkommen von Nazistrukturen in verschiedenen Regionen und deren zunehmend aggressives Auftreten zum Thema hatte, sondern auch Alltagsrassismus und Rechtspopulismus bekämpfte.

Insbesondere die rassistischen Übergriffe von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen veranlassten diese Gruppen, im Konzept eines »revolutionären Antifaschismus« die Auseinandersetzungen mit Neonazis und »braunen Stammtischen« mit einer Kritik an der großdeutschen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu verbinden. Die Ablehnung der Folgen des politischen Anschlusses der DDR führte bei einigen dieser Gruppen zu der Losung von »Nie wieder Deutschland!«.

Die Auflösung der AABO 2001 war das Ergebnis eines ideologischen Differenzierungsprozesses, der zur Herausbildung von vier unterschiedlichen Gruppen der Antifa-Bewegung führte: Die klassische Antifa, die antinationale Antifa, die Bewegungslinke und die Antideutschen. Auch für Menschen, die sich weniger intensiv mit den jeweiligen Programmatiken beschäftigen, schaffen es die Verfasser, die inhaltlichen Unterschiede verständlich nachzuzeichnen. Hilfreich ist dabei auch eine kurze Studie über die Konsequenzen dieser inneren Differenzen in den Aktionen zum G8 Gipfel in Heiligendamm.

Im Abschlusskapitel formulieren die Verfasser ihren eigenen Anspruch an die antifaschistischen Gruppierungen. Sie müsse als Teil der undogmatischen Linken über die bisherigen Beschränkungen ihres Milieus hinauswachsen und sich an ihrer Wirkung auf die Gesellschaft orientieren. Eine Forderung, die der »Antifa« einen eigenständigen Platz in der politischen Bewegung zuspricht.

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen