Welt, du hast mich wieder

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geschrieben von Ernst Antoni

Erlebnisse aus Kalte-Kriegs-Zeiten in der Bundesrepublik

Sept.-Okt. 2011

Jupp Angenfort, Sprung in die Freiheit. Die Geschichten des Josef A. Herausgegeben von Hannes Stütz. PapyRossa Verlag Köln, 232 S., 17,00 Euro.

Zum Thema gibt es (zu beziehen bei der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen) auch eine 2005 entstandene DVD:

Josef genannt Jupp. Porträt eines Antifaschisten. Ein Film von Olaf Klein, Christel Priemer und Ulrich Sander

Lorenz Knorr, Generäle vor Gericht. Oder: Darf man Nazi-Militärs als Massenmörder bezeichnen? 286 S., 16,00 Euro

Die Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 1969. Ein politischer Gefangener wird vom Bundespräsidenten begnadigt und darf das bei Wuppertal gelegene Zuchthaus Lüttringhausen in die Freiheit verlassen. »Bestellen Sie mir ein Taxi«, sagt er zum Direktor der Haftanstalt, »ich weiß ja nicht, wie ich sonst hinkommen soll nach Wuppertal, ich will da zum Kreisbüro der DKP.« Der Direktor kommt der Bitte nach, ein Taxi fährt vor.

»Jetzt fahren wir erst mal eine Ehrenrunde rund ums Zuchthaus«, meint der Freigelassene, »ich will doch mal sehen, wie das von außen aussieht.« »Das war«, erinnert er sich später, »ein paar Tage vor dem 1. Mai. Und wie es der Zufall wollte, war der Taxifahrer eine besonders nette junge Taxifahrerin. Als wir halbwegs den Berg herunter waren, sagte sie: ‘Wie war das noch, wo wollten Sie hin, zum Kreisbüro der NPD?’ Ich dachte: ‘Welt, Du hast mich wieder.’«

»Sprung in die Freiheit. Die Geschichten des Josef A.«: Der Erzähler konnte die Buchveröffentlichung leider nicht mehr erleben. Am 13. März 2010 ist der 1924 in Düsseldorf geborene Josef Angenfort, genannt Jupp, in seiner Heimatstadt verstorben. Hannes Stütz hat die von ihm vor 16 Jahren auf Band aufgezeichneten Gespräche mit Angenfort bearbeitet und herausgegeben: Erinnerungen eines engagierten Menschen, den Faschismus, Krieg und Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion zum Nationalkomitee Freies Deutschland führten und nach seiner Rückkehr 1949 zur KPD und zur Freien Deutschen Jugend (FDJ), deren Vorsitz in der BRD er kurzzeitig übernimmt. Schon im Sommer 1951 erfolgt das Verbot der FDJ, die damals vor allem versucht hatte, den Protest gegen die Wiederbewaffnung zu verbreitern.

Im März 1953 wird Jupp Angenfort in Duisburg auf offener Straße verhaftet – unter Bruch der Immunität des damaligen Abgeordneten. »Ich habe noch geschrieen: ‘Hilfe, Hilfe, Menschenraub, hier wird ein Landtagsabgeordneter verschleppt!’ Sehr schön laut.« Geholfen hat es nichts. Nach langer Untersuchungshaft wird er wegen »Hochverrats« verurteilt. In jenen Jahren des Kalten Krieges bei Anklägern und Richtern, von denen viele schon zwischen 1933 und 1945 aktiv gewesen waren, ein besonders beliebtes Polit-Delikt. Bei Angenfort kommt auch noch »Zersetzung« dazu, insgesamt fünf Jahre Zuchthaus.

Die »Geschichten des Josef A.« spielen oft in Strafanstalten. Zwar darf er das Zuchthaus Münster im Rahmen einer »bedingten Strafaussetzung« verlassen, wird aber Anfang der 60er-Jahre erneut verhaftet und soll nun die Reststrafe und einiges mehr antreten. Verfolgungsmaßnahmen gegen Kommunisten und was man dafür hält, häufen sich seit die KPD 1956 verboten wurde, Justiz und Behörden arbeiten inzwischen auch an einem Verbot der VVN.

Am 4. April 1962 dann Jupp Angenforts »Sprung in die Freiheit«, seine spektakuläre Flucht aus dem Münchner Justizgebäude Maxburg, die weit über Deutschland hinaus publizistische Wellen schlägt. Mit der Rückkehr in die BRD 1968, der erneuten Verhaftung und der endgültigen Freilassung enden die bei aller Tragik der Ereignisse stets unterhaltsamen, oft humorvollen und manchmal auch durchaus selbstironischen Erzählungen. Über Jupp Angenforts weiteres politisches Engagement bis zu seinem Tode, auch als langjähriger Vorsitzender und Landessprecher der VVN-BdA NRW, ist aus einem von Ulrich Sander zusammengestellten Anhang noch viel Wissenswertes zu erfahren.

Das Strafmaß geringer, die Intentionen der Strafverfolgungsbehörden ähnlich: Davon handelt eine weitere Buchneuerscheinung aus dem gleichen Verlag. Lorenz Knorrs Erinnerungen »Generäle vor Gericht. Oder: Darf man Nazi-Militärs als Massenmörder bezeichnen?« Der Verfasser, der am 28. Juli in Frankfurt/Main seinen 90. Geburtstag feiern konnte und immer noch landauf landab unterwegs ist als antifaschistischer Zeitzeuge und wortmächtiger Redner, schildert in seinen Aufzeichnungen den »Generalsprozess«, der ihn Anfang der 60er-Jahre auf die Anklagebank gebracht hatte.

Bei einer Jugendveranstaltung der Deutschen Friedens-Union hatte Knorr 1961 in seinem Vortrag führende Militärs der neuen Bundeswehr scharf attackiert. Erwähnt wurden von ihm namentlich Heusinger, Speidel, Foertsch, Kammhuber und Ruge, die sich im Rahmen der Remilitarisierung besonders hervorgetan hatten. Kritisch nahm sich der Referent des Wirkens der Genannten und der Generalität insgesamt im Zweiten Weltkrieg an.

Es folgte eine Anzeige wegen »Beleidigung« der Heeres- und Marineführer. Initiiert vom damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß begann eine Reihe von Prozessen, die sich über zehn Jahre hinzog, bevor es schließlich zur Verfahrenseinstell-ung kam. Entgegen der Intention der »Beleidigten« und des hinter ihnen stehenden Ministeriums erreichten diese juristischen Auseinandersetzungen eine – auch internationale – Publizität großen Ausmaßes, mit Solidaritätsbekundungen für Lorenz Knorr von Persönlichkeiten wie Pastor Martin Niemöller und den Nobelpreisträgern Bertrand Russell und Linus Pauling. Für die Ankläger wurde der »Generalsprozess« so, militärisch gesprochen, ein echter Rohrkrepierer.

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