Wider das Nachplappern

geschrieben von
Eckart Spoo

5. September 2013

Oder: Der Heldentod meines Vaters

Sept.-Okt. 2010

Eckart Spoo ist Mitherausgeber und verantwortlicher Redakteur von -»Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft«. Vorher über 35 Jahre Journalist bei der »Frankfurter Rundschau«, 16 Jahre lang Bundesvorsitzender der Deutschen Journalisten-Union in der IG Druck und Papier (später IG Medien). Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zu medienpolitischen Themen.

Mutter kam ins Zimmer, um mich wie immer zum Essen zu holen. Aber diesmal wirkte sie anders. Sie hatte Nachricht aus Russland bekommen: »Vater ist den Heldentod gestorben.« Nach einem Moment des Überlegens sprang ich jauchzend auf und folgte Mutter rasch ins Esszimmer, wo meine älteren Geschwister schon beim Eintopf saßen. Niemand sprach. Das war ungewöhnlich. Es irritierte mich. Hatten sie die aufregende Neuigkeit etwa noch nicht erfahren? Ich sprach die mir gegenübersitzenden beiden Brüder an: »Wisst Ihr schon…?« Mit ernstem Blick bedeuteten sie mir, dass auch ich schweigen sollte. Warum? Ich verstand das nicht: Unser Vater war den Heldentod gestorben, unser Vater war ein Held – mussten wir da nicht stolz auf ihn sein und uns freuen?

Über diese Reaktion eines Kindes – damals war ich fünf Jahre alt – habe ich später oft nachgedacht. Welch ein Erfolg der Nazi-Propaganda, dass ein Kind meint, der Tod des Vaters sei ein Grund zur Freude!

In den Todesanzeigen, die damals Zeitungsseiten füllten, stand immer wieder: »In stolzer Trauer«. Es dauerte Jahre, bis mir klar war, dass ich auch zum Stolz keinen Grund hatte, denn Vater war freiwillig in einen Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg gezogen – eher war es ein Grund zur Scham. Die überfallenen Russen schlugen zurück, besiegten seine Kompanie. Er starb elend durch einen Bauchschuss.

Unser Vater, den ich kaum kennengelernt hatte, war, wie ich oft über ihn sagen hörte, ein vielseitig talentierter, tüchtiger Mann. Wieso hatte er sich für dieses Verbrechen hergegeben? Wie stark muss die Nazi-Propaganda auf ihn eingewirkt haben!

Der US-amerikanische Publizist William S. Shirer, der in der Nazi-Zeit mehrere Jahre in Berlin gearbeitet hat, berichtet, auch und gerade gebildete Deutsche, mit denen er verkehrte, hätten einfach immer das nachgeplappert, was sie im Radio – dem damals neuen Massenmedium – gehört hatten: gläubige »Volksgenossen«. Was sie von früh bis spät aus dem Radio hörten, was auch in der Zeitung stand und was fast jeder im Gespräch wiederholte, das konnte doch nicht falsch sein. Wie hätte man daran zweifeln können – erst recht seit es bei Höchststrafe verboten war, »Feindsender« zu hören.

Der »Volksempfänger«, so hieß das millionenfach billig erworbene Radiogerät, prägte die »Volksgemeinschaft«. Hans Fritzsche, Joseph Goebbels und »der Führer« persönlich – ihre Stimmen erkannte man beim ersten Wort wie die von Verwandten – verständigten uns direkt in unserem Wohnzimmer und im Luftschutzkeller, worauf es ankam, damit wir – wir alle – siegten.

Waren die Menschen damals ganz anders als wir heute? Nein. Aber haben wir dann hoffentlich heute vielfältige Medien, die uns umfassend informieren? Nein. Und wer täglich stundenlang vor dem TV-Gerät sitzt, das es damals noch nicht gab, wird auch davon nicht klüger, im Gegenteil. Die publizistische Macht liegt größtenteils bei zehn Konzernen. In den meisten Regionen erscheint nur eine einzige Zeitung, und die Monopolverleger sind meist auch an Funk und Fernsehen beteiligt.

Im wesentlichen stimmen sie alle miteinander überein: gegen Demokratisierung der Medien, für den als soziale Marktwirtschaft getarnten Kapitalismus, gegen Arbeitszeitverkürzung als Weg zur Überwindung der Arbeitslosigkeit, für sogenannte humanitäre Militäreinsätze. Sie verbreiten längst widerlegte Unwahrheiten (zum Beispiel über »Schurkenstaaten«, die nämlich das Öl nicht billig hergeben wollen, oder über angeblich explosionsartig steigende Kosten des Gesundheitswesens), verharmlosen Nazis und verleumden Anti-Nazis (schon durch permanente Gleichsetzung als »Extremisten«), verdummen das Publikum mit Sprachregelungen.

Was tun? Zweifeln – gerade an dem, was alle sagen! Nach meiner Erfahrung kommt man der Wahrheit näher, wenn man das Gegenteil dessen annimmt, was uns die Propaganda auf allen Kanälen einzureden versucht. Der Unwahrheit widersprechen – auch wenn das bedeutet, sich zu isolieren! Vor allem: nicht einfach nachplappern, was alle sagen! Das Mitschuldigwerden an Krieg, Ausbeutung und Gewaltherrschaft -beginnt mit dem Nachplappern. Und noch etwas müssen wir tun: die Demokratisierung der Medien auf die politische Tagesordnung setzen!