Vor der letzten Reise

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geschrieben von Ernst Antoni

Dokumentation eines ergreifenden Briefwechsels

 

»›Es ist nur vorübergehend‹, pflegten Papa und Mutti zu sagen, ›und die Dinge werden sich sicherlich bald wieder bessern‹. (…) Aber es wurde nicht besser.«, schreibt der Sohn Alfred Koppel im Rückblick. »Bald darauf begannen sie, über die Auswanderung aus Deutschland zu sprechen.«

Der Familienvater kann diese schließlich in die Wege leiten. 1940 kommt Carl Koppel in den USA an und macht sich daran, Frau und Kinder nachzuholen. Es geht um Formulare und Einreisepapiere, zwei Söhne, Alfred und Walter, die zu dieser Zeit bei Verwandten in Berlin untergebracht sind, können als erste nachkommen. In München versucht währenddessen die Mutter, für sich und die vier weiteren Kinder die Ausreise zu organisieren. Es beginnt ein Kampf gegen den Repressionsapparat des NS-Regimes und gegen bürokratische Hürden, die nicht nur von diesem, sondern auch vom ersehnten Einwanderungsland aufgebaut werden. Carla Koppel korrespondiert darüber ausführlich mit ihrem Mann im US-Exil, mit Freunden, Bekannten und Behörden. Anfangs noch recht zuversichtlich.

Ilse Macek, Friedbert Mühldorfer (Hrsg.), Alfred Koppel, »Dies ist mein letzter Brief…«. Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941., Volk Verlag München, 288 S., 19,90 Euro

Ilse Macek, Friedbert Mühldorfer (Hrsg.), Alfred Koppel, »Dies ist mein letzter Brief…«. Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941., Volk Verlag München, 288 S., 19,90 Euro

Aber schließlich heißt es am 10. November 1941: »Dies ist mein letzter Brief, den ich Euch hier schreiben kann, da wir alle morgen verreisen.« Die »Reise« ging in die Festungsstadt Kaunas, einer der Orte in Litauen, an denen unter deutschem Befehl stehende Mordkommandos weit über hunderttausend Jüdinnen und Juden ermordeten. Carla Koppel und die vier Kinder wurden wie alle Juden aus München, die mit ihnen auf diesen Transport geschickt worden waren, am 25. November 1941 erschossen.

»1995, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges,« schreibt Sohn Alfred, »beschloss ich, mich an die Erforschung meiner in Deutschland zurückgelassenen Familie zu machen.(…). Ein halbes Jahrhundert hatte ich die Erinnerung an meine Angehörigen, meine Eltern und deren Kinder verdrängt. Ich hatte vermieden, ihre Fotos anzusehen, aber gleichzeitig darüber nachgedacht, wie ein warmherziges Familienleben hätte aussehen können. Ich machte mir nicht klar, welches Ausmaß an Emotionen und Seelenqualen ich auf dem Weg tief hinein in das Leben meiner Mutter, meiner zwei Brüder und meiner zwei Schwestern durchmachen würde.«

Alfred Koppel war bereits 70 Jahre alt, als er »die mit Briefen aus Deutschland gefüllte Schuhschachtel« aus dem Schrank nahm. »Zögerlich«, schreibt er, habe er diese hervorgeholt, »mit den vielen über so lange Zeit versteckt aufbewahrten Briefen«. »Einige waren von meiner Tante und den Onkeln. Einige von fremden Leuten. Aber die meisten von meiner Mutter aus München an meinen Vater in Brooklyn, New York.«

Aus Alfred Koppels Recherchen, die er daraufhin aufnahm, entstand ein Buch, das 2010 in den USA erschienen ist: »My Heroic Mother. Voices from the Holocaust«. Auszüge aus den Briefwechseln der Eltern, dazwischen geschnitten Stationen seines eigenen Lebensweges, die Familiengeschichte, historische Einordnungen und Reflexionen und die ausführliche Dokumentation seiner Spurensuche.

Am 27. Januar 2013 ist Alfred Koppel, 87 Jahre alt, in Fort Collins, USA, verstorben. Fünf Tage vor ihm starb in München Werner Grube im 83. Lebensjahr. Obgleich sich die Lebens(und Verfolgungs-)wege der Familien Koppel und Grube zeitweise überschnitten hatten, lernten die beiden sich erst 1996 kennen. Im Zuge von Koppels Spurensuche in München. Der Theresienstadt-Überlebende Werner Grube war es dann, der nach dem Erscheinen der US-Ausgabe den Autor davon überzeugte, dass es unbedingt auch eine deutsche Edition geben müsse und der nach dessen Zustimmung viele Hebel in Bewegung setzte, um dies in die Wege zu leiten.

»Dies ist mein letzter Brief…«. Das Zitat von Carla Koppel gibt diesem Werk nun den Titel. »Die Briefe«, schreiben die Herausgeber der deutschen Ausgabe, Ilse Macek und Friedbert Mühldorfer, in ihrem Vorwort, »werden nach den Originalen wiedergegeben. Auf Kürzungen, wie sie Alfred Koppel vorgenommen hatte, wird verzichtet, um den dokumentarischen Charakter zu erhöhen. Die Briefe von Carla Koppel zählen zu den seltenen persönlichen Schriftzeugnissen aus der Zeit unmittelbar vor den Deportationen aus München, die von Opfern erhalten geblieben sind.«

Es ist jener »dokumentarische Charakter« in Text, Bild und wissenschaftlichem Anhang, der dieser Edition neben den ergreifenden Briefen, in denen ja vieles nur zwischen den Zeilen geäußert werden konnte und die dennoch so viel über das alltägliche Elend berichten, eine über die »Zeitzeugenschaft« hinausgehende Bedeutung verleiht. Das reicht bis ins ausführliche Register, das dem Buch durch die Herausgeber beigegeben wurde. Ein besonderes Anliegen sei ihnen auch gewesen, schreiben sie im Vorwort, »dem Willen der nationalsozialistischen Mörder, dass nichts an die die Opfer erinnern sollte, Namen und Lebensdaten entgegenzusetzen. In den Briefen fallen viele Namen, oft nur Vornamen von Verwandten, Freunden, Nachbarn, die das Schicksal von Carla Koppel teilen mussten. (…) Personen, die Al Koppel nie kennenlernen konnte, sollten nicht dem Vergessen anheimfallen. Ihnen werden in einem Personenverzeichnis mit biografischen Angaben kleine schriftliche Erinnerungssteine gesetzt.«

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