75 Jahre später: Thesen und Argumente aus der Diskussion

Drucken

geschrieben von Tobias Baumann

Die Tagung »Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt?« war die vierte im Rahmen einer Reihe wissenschaftlicher Konferenzen, die seit 2007 an der FU zu den deutsch-polnischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranstaltet werden. Prof. Dr. Christoph Koch, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft und Einlader der Konferenz, verlas Grußworte von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der den »internationalen Teilnehmerkreis« lobte, und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, der mitteilen ließ, dass der Ribbentrop-Molotov-Vertrag vom 23. August 1939 den von Deutschland entfesselten Weltkrieg »erleichterte«.

In seinem Eröffnungsreferat betonte Christoph Koch, dass die »Totalitarismustheorie nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur ist« und kritisierte die »feinsinnige Propagandaformel«, nach welcher der Vertrag vom 23.08.1939 »am Beginn des Zweiten Weltkriegs steht«. Diese Totalitarismustheorie-Formel verberge die wahren »Ursachen und Beweggründe des Krieges«. Er ergänzte, dass Moskau mit dem »Einmarsch in Ostpolen an die Grenze zurückkehrte, die nach dem Ersten Weltkrieg die Demarkationslinie« zwischen Polen und Russland war und die erst nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 und dem Friedensvertrag von Riga 1921 weiter nach Osten verschoben wurde, womit sich das polnische Territorium nahezu verdoppelte, inklusive des litauischen Wilna-Gebiets sowie vornehmlich von Ruthenen (Ukrainer und Weißrussen) bewohnter Gebiete.

Die These des ersten Referenten, Domenico Losurdo, lässt sich zusammenfassen in der Formel, dass Hitler weltweit der »Verfechter der White Supremacy sowie der kolonialistischen Konterrevolution« war, während der sozialistische Vielvölkerstaat als »antikoloniale Revolution« mit dem Anspruch, alle Menschen in Frieden, Gleichheit und Eintracht zu verbinden, zu werten sei. Losurdo hob hervor, dass der »Anführer der siegreichen Revolution der schwarzen Sklaven« der französischen Kolonie Saint-Domingue (ab 1804 Haiti, das erste von Sklaverei befreite Land Amerikas), Toussaint Louverture, autoritär regierte und dennoch »Protagonist der abolitionistischen Revolution« war.

Die Konferenz lieferte einen bedeutenden Beitrag zur Versachlichung der wissenschaftlichen Diskussion über dieses oft politisch interessengeleitete Thema. Die französische Historikerin Annie Lacroix-Riz von der Universität Paris 7 Diderot (laut Christoph Koch die zuerst eingeladene Rednerin, um deren Input sich die Konferenz ausrichten sollte), bewies anhand zahlreicher Archivdokumente, dass der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag nicht aufgrund der »Gemeinsamkeiten der Spießgesellen Stalin und Hitler« (Zitat Erika Steinbach) zustande kam, sondern aufgrund komplexer diplomatischer Strategien, insbesondere Frankreichs und Großbritanniens, die qua faktischer Verweigerung einer Großen Allianz mit Moskau sowie durch systematische Täuschung zunächst der Tschechoslowakei und anschließend Polens ihre einstigen mittelosteuropäischen Verbündeten entweder direkt opferten oder hinterrücks verrieten, um den deutschen Expansionsdrang nach Osten zu lenken.

Annie Lacroix-Riz bei ihrem Vortrag

Annie Lacroix-Riz bei ihrem Vortrag

Ein Beispiel für ihre von deutschen Historikern wie Werner Röhr bestätigte These des französisch-britischen »Katzbuckelns« vor Hitler: Der französische Großunternehmer und Besitzer von Skoda, Eugène Schneider, verkaufte Skoda an Krupp, da das französische Finanzkapital im Osten in der Krise zur Belastung geworden war; die französische Außenpolitik zog sich im Nachgang zum Großkapital auch aus den 1919 als neue französische Einflusssphäre gewonnenen Gebieten zurück und überließ sie dem Deutschen Reich.

Sergey Kudryashov (Deutsches Historisches Institut Moskau) präsentierte Dokumente des Politbüro-Archivs und hob hervor, dass in Paris und London der »Bolschewismus als größere Gefahr im Vergleich zum Faschismus wahrgenommen« wurde. Die Nichtintervention des Westens im spanischen Bürgerkrieg sowie die Opferung Prags in München hätten das Moskauer Politbüro in dieser Überzeugung bekräftigt.

Geoffrey C. Roberts (University College Cork) betonte in seinem Vortrag, dass die Sowjets im Frühling 1939 mehrmals in Warschau nachfragten, ob Polen nicht aufgrund des im April durch Berlin einseitig gekündigten deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 mit dem Kreml gegen Berlin kooperieren wollten. Doch Polen, in dem die kommunistische Partei verboten war, seit 1926 ethnische Minderheiten systematisch unterdrückt wurden und antijüdische Pogrome stattfanden, reagierte nicht.

Michael Jabara Carley (Universität Montréal) erwähnte, dass die russische Außenpolitik bis Mitte der 1930er Jahre nicht antifaschistisch geprägt war (Stalin verhandelte Anfang der 1930er Jahre sehr ernsthaft und intensiv mit Rom über bilaterale Abkommen), sondern antinazistisch- und das auch nach dem August 1939 blieb. Zuvor hatte Litvinov (sowjetischer Außenminister bis 1939) vergeblich kollektive Sicherheitsabkommen verhandelt, nicht nur mit Westeuropa, sondern auch mit Rumänien. Außenminister Nicolae Titulescu musste 1936 wegen ebendieser Verhandlungen mit Moskau zurücktreten. Litvinow versuchte auch, mit den USA ins Gespräch zu kommen, doch das State Department unterwanderte die Initiative Litvinow-Roosevelt zur Aufnahme von Verhandlungen.

Werner Röhr (Edition Organon Berlin) wies am zweiten Konferenztag darauf hin, dass der polnische Militär und Außenminister Beck Ende 1938 die Information Ribbentrops über die »Globallösung« (u.a. Berlins Forderung der Abtretung eines Korridors nach Danzig) nicht an seine Regierung weiterleitete, da er sich die völlige Niederlage seiner jahrelang betriebenen pro-deutschen Außenpolitik nicht eingestehen konnte. Stanislaw Zerko (Požnan) ergänzte die illusionäre Einschätzung von Beck, nach welcher Hitler ein »Gefühl von Mäßigung in Deutschland« verbreitet habe, wie es das seit Bismarcks Zeiten nicht mehr gegeben habe. Marek Kornat (Warschau) sprach vor etwa 70 Diskutanten über die Außenpolitik Polens am Vorabend des Zweiten Weltkrieges und Kurt Pätzold (Leibniz-Sozietät Berlin) über die innenpolitischen Wirkungen des sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrages in Nazieutschland.

Ulrich Schneider von der Fédération Internationale des Résistants (FIR) schilderte den Entwurf einer Direktive der Kommunistischen Internationale von Ende September 1939, in der es hieß: »Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Länder um die Weltherrschaft geführt«. Er erwähnte, dass zwei Tage nach dem deutsch-russischen Vertrag die Pariser Polizei L‘Humanité überfiel und die Tagesausgabe beschlagnahmte; kurz darauf wurde das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs ganz verboten, anschließend die gesamte kommunistische Presse. Eine Maßnahme, die als Teil der faktischen Annäherung an das antikommunistische Deutschland gewertet werden könne.

Abschließend dozierte Heinrich Schwendemann (Universität Freiburg) über die sowjetische Wirtschaftskooperation mit dem Deutschen Reich und Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) kritisierte das EU-Projekt, den 23. August als Gedenktag für die »Opfer aller totalitären Regime« zu installieren.

Soweit einige Schlaglichter auf eine äußerst spannende Veranstaltung. Der Konferenzband mit allen Vorträgen soll Ende des Jahres erscheinen.

Schreibe einen Kommentar