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geschrieben von Regina Girod

Gustavo Germanos Fotografien von Opfern der brasilianischen Militärdiktatur

 

Zwei Fotos nebeneinander auf einer Tafel. Links vier kleine Jungen auf einem Weidezaun, offene, fröhliche Kindergesichter, einer hat die Arme um seine Nachbarn gelegt. Darunter die Jahreszahl 1947 und die Namen der vier. Rechts das gleiche Sujet, derselbe Weidezaun – drei alte Männer stehen jetzt davor. Der Platz in ihrer Mitte ist frei – der die Arme um die anderen gelegt hatte, fehlt. Darunter die Jahreszahl 2012 und drei Namen.

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Zufällig kam ich an der Tafel vorbei. Unvorbereitet trafen mich die Fotos mit voller Wucht. Denn aus den übermütigen Kindern waren harte alte Männer geworden, die Gesichter zerfurcht von Schmerz und Sorgen, die Blicke skeptisch und distanziert. Was war hier geschehen? Welches Unglück hatte solche Spuren hinterlassen?

Der argentinische Fotograf Gustavo Germano, dessen Bruder selbst von der argentinischen Militärdiktatur verschleppt und ermordet wurde, hat eine ganz persönliche Form gefunden, die Erinnerung an die Opfer lateinamerikanischer Diktaturen wach zu halten. Gemeinsam mit den Familien der »Verschwundenen« wählt er Fotos aus ihren Familienalben aus und stellt sie an denselben Orten Jahrzehnte später nach. Der Platz der Verschleppten bleibt frei, so dass sich der Betrachter unwillkürlich fragt, wie sie wohl heute aussehen würden. Die Gesichter der Hinterbliebenen aber prägen sich unauslöschlich ein. Betroffen versteht der Betrachter, dass die Praxis des »Verschwindenlassens« nicht nur das Leben der Gefolterten und Ermordeten zerstörte, sondern auch bei ihren Freunden und Verwandten tiefe Wunden hinterlassen hat. Willkür und Gewalt haben auch sie zu Opfern gemacht.

Das erste Projekt Gustavo Germanos war 2006 eine große Ausstellung über argentinische »Verschwundene«. Sie tourte jahrelang durch Lateinamerika und bewegte viele Menschen auf dem Kontinent, in dem etliche Diktatoren Gegner einfach »verschwinden« ließen. 2012 folgte eine Ausstellung über die Opfer der brasilianischen Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 das Land beherrschte. Als eine Art »Mutter aller lateinamerikanischen Diktaturen« war sie zugleich Versuchsfeld der CIA für Unterdrückungs-und Terrorpraktiken, die später von anderen Regimes übernommen wurden. Anders als in Argentinien verhinderte ein Amnestiegesetz in Brasilien die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärherrschaft. Erst mehr als 25 Jahre später hat 2011 eine »Wahrheitskommission« nach südafrikanischem Vorbild ihre Arbeit aufgenommen.

Die zwölf Tafeln der brasilianischen Ausstellung wurden Ende März neun Tage lang im Foyer des ND-Gebäudes im Berlin gezeigt, als bislang einzige Präsentation von »Ausencias« in Deutschland. Ein Faltblatt informierte über die Biografien der Ermordeten, deren Schicksale zum Teil bis heute nicht geklärt werden konnten. Anna Rose Kucinski Silva war mit 32 Jahren die Älteste von ihnen. Der zärtliche Junge hieß Joao Carlos Haas Sobrinho. Er war Arzt und starb als Guerillero bei einem Gefecht. Luiz Euricio Tejera Lisboa, dessen Foto oben zu sehen ist, verschwand mit 24 Jahren in Sao Paulo. Er war Kommunist.

Vor 50 Jahren wurde die Diktatur in Brasilien errichtet. Die Wunden, die sie hinterließ, sind noch immer nicht geheilt.

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