Sich fügen heißt lügen

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geschrieben von Janka Kluge

Zur Erinnerung an Erich Mühsam, der vor 80 Jahren ermordet wurde

 

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren. Nach wenigen Jahren zog seine Familie nach Lübeck, wo er seine Jugend verbracht hat. Im Buddenbroockhaus, dem Museum für Heinrich und Thomas Mann in Lübeck, wurde deshalb ein Zimmer zur Erinnerung an Erich Mühsam eingerichtet.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg veröffentlichte Erich Mühsam einen Artikel über die Militarisierung und Aufrüstung Deutschlands. Er hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt:

»Seit der Kapitalismus die Welt beherrscht ist noch fast jeder Krieg vom Reichen gegen den Armen geführt worden. Der Große saugt dem Kleinen das Blut aus. Es ist mit den Staaten wie den Einzelnen. Die Mehranhäufung wird von keinem Bedürfnis bestimmt, sondern ist Selbstzweck wie die Ansammlung von Kapitalien, deren Ertrag niemand zunutze kommt, für die modernen Geldmagnaten Selbstzweck ist. Die Machtanhäufung der Staaten aber, um derentwillen Kriege geführt werden, ist in Wahrheit Kapitalanhäufung bei einzelnen Kapitalisten.«

1918 wurde Erich Mühsam verhaftet, weil er sich trotz eines Verbots politisch betätigt hatte und sich weigerte, an »Vaterländischen Hilfsdiensten« teilzunehmen, Er bekam sechs Monate Festungshaft.

Während der Novemberrevolution 1919 wurde Erich Mühsam Mitglied im Revolutionären Arbeiterrat. Nach der Zerschlagung der Räterepublik in Bayern durch Reichswehr und rechtsradikale Freikorps wurde erneut verhaftet und nunmehr zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Nach fünf Jahren kam Erich Mühsam allerdings gemeinsam mit einigen Aktivisten der Münchner Räterepublik wieder frei. Sie profitierten von einer Amnestie, die eigentlich Hitler gegolten hatte. Während der Haft war Erich Mühsam von der Roten Hilfe unterstützt worden. Er war so froh über diese Hilfe, dass er kurz nach seiner Entlassung auf vielen Veranstaltungen als Redner für die Rote Hilfe auftrat. Ihm schwebte eine partei- und strömungsübergreifende Hilfsorganisation für politische Häftlinge vor. Als die Rote Hilfe jedoch offen für die »Rote Fahne« warb, ist Erich Mühsam ausgetreten. Er hatte noch einen anderen Konflikt mit der Roten Hilfe. In Reden und Artikeln forderte er immer wieder die Freilassung der politischen Gefangenen in der Sowjetunion.

Als bekannter Gegner der Nazis und engagierter Kriegsgegner wurde Erich Mühsam noch in der Nacht nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Seine Koffer für die Flucht waren bereits gepackt, als die Kriminalpolizei ihn holte. Am 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von Mitgliedern der SS im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Seine Witwe schildert in einem Brief vom 23.8.1934 seine letzten Tage:

»Laut wahrhaftigem Bericht ist der Todestag von Erich 9. Auf den 10. Juli. Der Rottenführer Eradt sagte am Montagmorgen zu Erich: `Wie lange gedenken Sie noch auf der Erde herumzuwandeln?´ Hierauf Erich: `Noch sehr lange.´ Dann sagte dieser Rottenführer Eradt: Wir raten Ihnen sich innerhalb von drei Tagen aufzuhängen, sonst helfen wir Ihnen nach.` Erich ging runter und sagte dies seinen Kameraden. Er verschenkte alle die Lebensmittel, die ich ihm mitgebracht hatte usw., und sagte wörtlich: `Kameraden meinen eigenen Henker mache ich nicht!´ Er musste den ganzen Tag noch die SS-Uniformen putzen. Am Abend um 7 Uhr wurde er herausgerufen. Sämtliche Gefangenen mussten früher zu Bett, auch die fünf oder sechs Gehilfen, die sonst mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, wurden nicht mehr abgezählt vor dem Einschlafen, was sonst immer war. Die Genossen wussten, Mühsam fehlt. Viele legten sich auf die Lauer und hörten nichts. In der Frühe, um dreiviertel fünf wie immer, kam der SS-Mann Himmelstoß, der von den Gefangenen so genannt wurde, und zählte die Gefangenen. Da sagte einer: `Mühsam fehlt.´ Da ging er hinaus und sagte kein Wort. Wie die ersten Gefangenen auf das Klosett gingen, fanden sie dort Erich mit einer Wäscheleine aufgehängt. Technisch war der Strick so angemacht, dass der Erich in seiner Ungeschicklichkeit niemals da hätte heraufklettern können. Sein Gesicht war vollkommen ruhig und schön und die Hände gar nicht verkrampft, ganz schön glatt.«

Es ist gut, dass aus Anlass seines Todestages an vielen Orten Deutschlands an Erich Mühsam, den unbeugsamen Anarchisten und Antifaschisten, den scharfzüngigen Dichter und Journalisten erinnert wird.

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