Aus antifaschistischer Sicht

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geschrieben von Janka Kluge

NSU-Watch erhält den Hans-Frankenthal Preis des Auschwitz-Komitees

 

Wenn Preise und Ehrungen verliehen werden, ist das meist eine gute Gelegenheit, die Geehrten öffentlich zu würdigen. Der Hans-Frankenthal-Preis des Auschwitz-Komitees, der jedes Jahr für antifaschistisches Engagement vergeben wird, ist solch eine Gelegenheit. Letztes Jahr bekamen ihn die VVN-BdA für die Neofa-Ausstellung und die Bürgerinitiative Glinde für ihren Kampf gegen einen Naziladen. In diesem Jahr wurden sogar drei Projekte ausgezeichnet. Neben NSU Watch wurden die Vereinigung der Okkupationsopfer 1941 -1945 aus Slowenien sowie die Infogruppe Rosenheim und das Bündnis rabatz – autonome Vernetzung Oberbayern/Salzburg/Tirol geehrt. Eigentlich hätte jede dieser Gruppen hier eine eigene Würdigung verdient. Wir hatten aber bereits vor der Bekanntgabe der Preisträger beschlossen, den Lesern der antifa einmal die Arbeit von NSU-Watch vorzustellen.

Nach dem Auffliegen des NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe war verschiedenen antifaschistischen Gruppen klar, dass es wichtig sein würde, den Prozess gegen Beate Zschäpe aus antifaschistischer Sicht zu beobachten. Der Kreis der Gründer von NSU-Watch bestand aus den antifaschistischen Zeitungen »Der rechte Rand« und das »Antifaschistische Infoblatt«, sowie der antirassistischen Zeitung »Lotta«, den Archiven und Dokumentationszentren »apabiz« (Berlin) und »a.i.d.a.« (München), dem antifaschistischen Rechercheteam Dresden (ART), dem »Antirassistischen Bildungsforum Rheinland«, dem »Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus« und dem Netzwerk antirassistischer Initiativen »Argumente e.V.«. Es hatten sich damit Gruppen zusammengefunden, die seit vielen Jahren antifaschistische und antirassistische Arbeit in Deutschland leisten.

NSU Watch garantiert nun, dass an jedem Prozesstag Antifaschistinnen und Antifaschisten den Prozess beobachten und danach ein ausführliches Protokoll verfassen. Diese Protokolle werden anschließend in leicht gekürzter Fassung auf der eigenen Internetseite veröffentlicht. Inzwischen sind so die Protokolle von 150 Verhandlungstagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Um die oft vorhandenen Grenzen zwischen deutschen Antifaschisten und türkischen oder kurdischen Migrantinnen aufzubrechen, wurden die Protokolle von Anfang an auch ins Türkische übersetzt.

Seit kurzem gibt es auf der Internetseite auch eine Liste der Zeugen und Zeuginnen, die vom Gericht verhört worden sind. Sehr hilfreich ist, dass die jeweiligen Namen mit den entsprechenden Seiten der Protokolle vernetzt sind, so dass sich ihre Aussagen dort leicht finden lassen. Es ist gut und wichtig, dass die Antifaschistinnen, die den Prozess beobachten, über jahrelange Erfahrungen im Kampf gegen Nazis verfügen und so eher und besser als das Gericht in der Lage sind, Aussagen von Zeugen einzuordnen.

Der Hans-Frankenthal- Preis ist nicht die erste Auszeichnung, die NSU-Watch bekommen hat. Sie erhielten 2013 den Medienprojektpreis der Otto Brenner Stiftung für ihre Internetseite und den Sonderpreis des Journalistenmagazins »medium«. Dieses Jahr folgte der »alternative Medienpreis« 2014 der Nürnberger Medienakademie.

Mit der Gründung einer Gruppe in Hessen reagiert die Initiative auf die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag. Auch in Baden-Württemberg gibt es mit »Tatort Theresienwiese« eine Initiative, die die Enquete-Kommission des Landtags beobachtet und Protokolle ihrer Sitzungen im Internet veröffentlicht hat. Auf der Theresienwiese war die Polizistin Michele Kiesewetter unter bis jetzt nicht geklärten Umständen ermordet worden. Die Annahme der Bundesanwaltschaft, dass sie als Zufallsopfer von den Nazis ermordet wurde, lässt sich nach den Analysen von Beobachtern wie NSU-Watch ebenso wenig halten, wie die These, dass es sich beim NSU um eine kleine Gruppe von drei Mördern gehandelt habe.

An den Protokollen und Analysen von NSU-Watch kommt schon lange niemand mehr vorbei, der sich ernsthaft mit dem Thema NSU-Komplex beschäftigt. Um ihre herausragende antifaschistische Aufklärungsarbeit weiter leisten zu können, benötigt NSU-Watch trotz aller Preise nach wie vor Spenden und Unterstützung.

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