Die Schönheit des Widerstands

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geschrieben von Dieter Lachenmayer

Eine Erinnerung an Gertrud Müller (29. November 1915 – 26. Mai 2007)

 

Im November hätten wir gerne mit ihr auch ihren 99. Geburtstag gefeiert, so wie wir das in früheren Jahren immer getan hatten. Diese Feiern waren keine steifen und förmlichen Veranstaltungen. Sicher, es gab lobende Reden. Aber die Atmosphäre war so, wie Gertrud sie prägte: herzlich. Es war eine traute Runde von Freunden, Kameradinnen Genossinnen und Genossen, in der sich alle wohlfühlten. Auf einer dieser Feiern fiel ein ungewöhnliches Wort, das in diesem Rahmen wohl nur eine Frau aussprechen konnte. Es kam von Dr. Sigrid Jacobeit, der damaligen Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück; sie nannte die damals 85 jährige »schön«. Sie meinte nicht allein ihr Aussehen. Gemeint war Gertruds gesamte Ausstrahlung. Eine treffendere Beschreibung habe ich nie gehört. Ein Leben lang hat diese mutige Frau sich als streitbare Kämpferin eingemischt in alle politischen Auseinandersetzungen gegen Faschisten, für Frieden, Solidarität und Sozialismus. Und sie hat dabei nicht ihre Menschlichkeit, Herzlichkeit und Bescheidenheit verloren.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

Sie war das Kind einer Stuttgarter Arbeiterfamilie, 1915 geboren, besuchte Volksschule und Handelschule und erlebte als Jugendliche den heranziehenden Faschismus. Schon als 17jährige wurde sie 1933 zum ersten Mal verhaftet, weil sie dem kommunistischen Jugendverband angehörte; ein zweites Mal, weil sie ihrem Freund und späteren Mann Hans ins Gefängnis schrieb, dass Hitler mit der Aufrüstung beginne. Als sie 1942 mit Hans und einem Freund versuchte, hungernden russischen Zwangsarbeiterinnen heimlich etwas Essen über den Zaun zuzustecken, wurde sie von einem Wachposten erkannt und verraten. Die Nazis beschuldigten sie »staatsfeindlicher Aktivitäten und des Hochverrats«. Es folgten endlose Gestapoverhöre, 13 Monate Einzelhaft im Gefängnis, »Arbeitserziehungslager« Rudersberg, schließlich das KZ Ravensbrück.

Dort erfuhr Gertrud Müller, dass in ihrer Akte »Rückkehr unerwünscht« stand. Ein Todesurteil. Doch der illegalen Lagerleitung gelang es, Gertrud Müller in einen Gefangenentransport in das KZ-Lager Geislingen, ein Außenlager des KZ Natzweiler zu schmuggeln. Ihre Befreiung erlebte sie, gesundheitlich schwer angeschlagen, im Lager Allach bei Dachau. Ihre Erlebnisse in den KZ-Lagern die Unmenschlichkeit und kaum vorstellbare Brutalität der Wächter, aber auch menschliche Größe der geschundenen KZ-Insassinnen und der solidarische Zusammenhalt der politischen Häftlinge haben Gertrud Müller nie mehr losgelassen.

Nach der Befreiung engagierte sie sich im antifaschistischen Arbeitsausschuss ihres Stadtteils, der sich um die unmittelbaren Probleme und die Versorgung der Menschen kümmerte. Als Antifaschistin wurde sie Schreibkraft der »Investigation Section« der US Militärregierung, die gegen belastete Nazis ermittelte. Sie verlor nicht den Mut, als diese den Spieß umdrehten und eine Intrige spannen. Ein Spruchkammer-Kläger, der sich später als belasteter Nazi herausstellte, erhob Anklage gegen Gertrud, sie habe als Blockälteste Mitgefangene schikaniert. Ihre schlimmste Zeit, so berichtete sie, war nicht die Zeit in den KZs, sondern jene im Internierungslager, in das sie zusammen mit SS-Aufseherinnen von Ravensbrück eingesperrt wurde. Trotz guten Zuratens weigerte sie sich, ein Gnadengesuch zu stellen, sondern kämpfte beharrlich für ihre Rehabilitierung, die sie schließlich 1950 erreichte. Sie war erschüttert. Einige Monate »ging ich nicht mehr unter die Leute«, berichtete sie, aber nichts konnte sie von ihrer antifaschistischen Überzeugung abbringen.

Als Gründungsmitglied war sie aktiv in der VVN. Sie trat der KPD bei, arbeitete bei der KPD-Zeitung »Volksstimme«, bis zum Verbot der KPD 1956, verlor wegen Betätigung für die verbotene KPD drei Jahre später erneut ihren Arbeitsplatz.

Von 1979 bis 1997 war sie Vorsitzende und seitdem Ehrenvorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Sie war Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees und Redakteurin der Zeitschrift »Ravensbrückblätter«. Für diese Arbeit war sie sehr häufig unterwegs.

Unvergessen bleibt z.B. die Rede, die sie 2001 auf einer Kundgebung gegen den Bundesparteitag der Republikaner hielt. Vielen galt damals diese rassistische Partei zwar als rechts, sie wurde aber vor allem in bürgerlichen Kreisen noch dem »demokratischen Spektrum« zugerechnet, also auch als potentieller Koalitionspartner der CDU gehandelt.

Die kleine zierliche Gertrud Müller, die kaum den Rednerpult überragte, schrieb unter dem brausenden Beifall der mehreren Tausend Zuhörer den Journalisten klare Worte ins Stammbuch:

»Zwischen uns hier und den Reps in der Winnender Stadthalle liegen nicht nur 150 Meter: Dazwischen liegt der Unterschied zwischen Moral und Unmoral, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Anstand und Verkommenheit. Es ist der Unterschied zwischen Humanismus und Faschismus!«

Klare Worte von einer überzeugenden Frau, die diesen Unterschied ein Leben lang sichtbar gemacht hat. Was wohl würde Gertrud Müller zu AfD und Pegida sagen? Wohl allen, die bis zu ihrem Tode 2007 mit ihr gekämpft hatten, bleibt sie unvergessen. Ein Vorbild, wie man es überzeugender kaum finden kann.

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