Das innere Gefüge

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geschrieben von Hans Canjé

Eine Neuerscheinung zum KZ Sachsenhausen

 

Es sind nicht mehr viele, die in diesen Apriltagen an den Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen, an die Stätte ihrer Erniedrigung und Folter, an den Ort zurückkommen können, der am 21. April 1945 von der Roten Armee befreit worden ist. An die 200.000 Menschen aus 40 Nationen waren im »vollkommen neuen, jederzeit erweiterungsfähigem, modernen und neuzeitlichem« KZ (Heinrich Himmler) in den Jahren seines Bestehens eingesperrt. Zehntausende wurden ermordet. Bei einer Gedenkveranstaltung im Brandenburger Landtag wurde am 27. Januar daran erinnert, dass in der Endphase des KZs, den letzten Monaten seines Bestehens, allein 15. 000 Häftlinge, Kranke und Schwache, Juden, als zu einem Aufstand fähige politische Häftlinge, planmäßig ermordet wurden; 30 000 wurden auf den Todesmarsch getrieben.

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

In der Reihe der Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist jetzt Band 10 erschienen. Der Autor, Stiftungsdirektor Günter Morsch, weist im Vorwort auf die immer noch schwierige Quellenlage hin: »Kurz vor Kriegsende ließ die SS im Heizungskeller der Häftlingswäscherei über Wochen die schriftliche Überlieferung der KZ-Kommandatur, wahrscheinlich zusammen mit den Akten der dem KZ benachbarten Verwaltungszentrale aller Konzentrationslager, der sogenannten Inspektion, verbrennen.« Ein kleiner Rest, »zahlreiche Listen und Meldungen der Kommandantur« verbrannten bei einem Bombenangriff auf die den Todesmarsch begleitenden Lastwagen. Durch den »politischen Umbruch der Jahre 1998/90« sei es wohl nicht mehr zur Veröffentlichung von Forschungsarbeiten der DDR gekommen, die in zwei, jeweils an die 400 Seiten umfassenden Ordnern in der Gedenkstätte vorliegen.

Morsch behandelt unter Beifügung eines umfangreichen Dokumentenanhangs die Anfänge und das innere Gefüge des Lagers. Er beginnt seine Abhandlung mit den Feiern zur Olympiade 1936, in deren Schatten in den heißen Augustwochen »nur acht Kilometer vom Stadtrand der Reichshauptstadt und kaum 45 Minuten Fahrtweg mit der S-Bahn von der Mitte Berlins entfernt« mit dem Bau des KZ Sachsenhausen begonnen wurde. Das waren zu Beginn 50 politische Gefangene. Nach weiteren Transporten vorwiegend aus den Emslandlagern war die Zahl dann auf 900 angewachsen. Nach Recherchen der Gedenkstätte kamen zwischen dem 9. November 1936 und dem 28. Juli 1937 mindestens 37 Häftlinge ums Leben; 36 sind namentlich bekannt.

Im Abschnitt »Die Konzentrationslager-SS« analysiert er das Führungskorps der SS in den Jahren der Existenz des Lagers, wobei Karl Otto Koch als der »schlimmste aller Kommandanten« selbst Himmler »als abschreckendes Beispiel » vor Augen gestanden habe.(Im umfangreichen Anhang – ca. 180 Seiten – sind u. a. auch zahlreiche Fotos aus dem Album Kochs enthalten.) In zwei weiteren Abschnitten »Die Häftlinge« und »Die sogenannte Häftlingsselbstverwaltung« schildert Morsch die sich im Verlaufe der Jahre anwachsende Zahl der Häftlinge und die dabei sich verändernde Zusammensetzung (Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und andere Gegner des Regimes). Für die Ausführung der SS-Befehle waren, so Morsch, »die Funktionshäftinge der sogenannten Häftlingsselbstverwaltung verantwortlich.« Das sich daraus ergebende Problem einer Balance zwischen Gehorsam gegenüber der machtausübenden SS-Wachmannschaft einerseits und der Solidarität mit den wehrlosen Häftlingen andererseits, die vor Jahren bereits am Beispiel des KZ Buchenwald zu heftigen Diskussionen über die »Roten Kapos« führte, hat auch in Sachsenhausen eine Rolle gespielt. Morsch wertet hier nicht. Im abschließenden Abschnitt konstatiert er: »Der tägliche Kampf um das Überleben bestimmte den Alltag, der nach sozial-rassistischen Kriterien hierachisierten Häftlingsgesellschaft (…)

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Dem Berliner Verlag gebührt für die Herausgabe der Brandenburger Publikationen große Anerkennung. Bücher dieser Gattung werden es ja wohl kaum auf die Bestseller-Liste des »Spiegels« schaffen. Zu überlegen wäre aber, ob diese Bände nicht »leserfreundlicher«, etwa durch eine größere Schriftart, gestaltet werden könnten.

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