Kaum jemand leistete Hilfe

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geschrieben von Peter Giersich

Die »Todesmärsche« der jüdischen Frauen aus dem KZ Groß-Rosen

 

Im Frühjahr 1945 bewegten sich zahlreiche Häftlingskolonnen zu Fuß und per Bahn durch den immer kleiner werdenden Herrschaftsbereich der deutschen Faschisten. Ihre Wege waren gesäumt von Leichen: erschossen, erfroren, verhungert. Nur ein geringer Teil der deutschen Bevölkerung zeigte Mitleid mit diesen leidgeprüften Menschen, und noch weniger leisteten ihnen Hilfe.

Dr. Hans Brenner aus Zschopau (Erzgebirge) forscht seit vielen Jahren zur Ausbeutung jüdischer Zwangsarbeiter durch die deutsche Rüstungswirtschaft und die Todesmärsche in den letzten Kriegsmonaten. Zum 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus ist sein neues Buch ein beeindruckender, wertvoller Beitrag gegen das Vergessen.

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Das vorliegende Buch »Todesmärsche und Todestransporte …« basiert auf jahrelanger mühsamer und akribischer Forschungsarbeit und bezieht sich auf die vom KZ Groß-Rosen (heute Rogoźnica in Polen, südlich von Legnica – Jawor) ausgehenden Transporte jüdischer Häftlingsfrauen, welche als billige Arbeitssklaven unter unmenschlichen Bedingungen in der Rüstungsindustrie schuften mussten und nun, da sich die Rote Armee kämpfend den deutschen Reichsgrenzen näherte und diese überschritt, ins Innere des Landes getrieben wurden.

Brenner hat unzählige Stunden in deutschen, tschechischen, polnischen Archiven studiert, mit vielen Überlebenden dieser grausamen Vorgänge gesprochen, Korrespondenzen mit Einrichtungen in Israel – vor allem mit der Gedenkstätte Yad Vashem – und Wissenschaftlern in vielen Ländern geführt. Entstanden ist ein Werk, das allen wissenschaftlichen Kriterien entspricht und doch ein eindrucksvolles, ergreifendes Bild jener Ereignisse zeichnet, das dem Leser zu Herzen geht.

Das Buch ist klar gegliedert und schildert detailliert die Evakuierung der Insassen von 16 Außenlagern des Stammlagers Groß-Rosen. Dabei werden sowohl Archivalien zitiert, als auch schon erschienene Publikationen zu Rate gezogen. Dass auch zahlreiche Opfer der Todesmärsche zu Wort kommen, verleiht dem Buch ein besonderes Gewicht und macht es zu einem emotional anregenden Leseerlebnis. Namen von Opfern werden ebenso genannt wie die Namen der Henker, die Namen der Nutznießer der Sklaverei erscheinen im Klartext wie auch die Bezeichnung der Orte des Grauens und der »Einsatzbetriebe«.

Eingeleitet wird das Buch durch eine Darstellung des Systems der Außenlager für Frauen des KZ Groß-Rosen. »Ein Großteil der Häftlinge des Lagerkomplexes Groß-Rosen, rund 26.000, waren fast ausschließlich jüdische Frauen und Mädchen aus vielen europäischen Ländern, die zur Zwangsarbeit … in 45 Außenlagern hinter Stacheldraht eingesperrt isoliert gehalten wurden.« Die Todesmärsche der Außenlager des KZ Groß-Rosen ist eines der Kapitel der Shoah, weil sie vor allem eine große Zahl jüdischer Menschen betrafen, welche noch vom Mai 1944 an aus Ungarn, Italien, Frankreich und Polen der »Endlösung« zugeführt wurden. Ein bedeutender Teil der Todesmärsche von Groß-Rosen endete in Bergen-Belsen, wo noch zahlreiche Häftlinge vor und nach der Befreiung durch englische Soldaten durch Hunger, Krankheit oder Erschöpfung ums Leben kamen. Die Marschkolonnen gingen an helllichten Tagen durch Dörfer und Städte. Man konnte sie sehen und hören. Die abgemagerten, verhärmten, in Lumpen gekleideten Gestalten lagerten in Scheunen, in Fabrikhallen oder auf kahlem Felde, die Zurückgebliebenen – Erschossenen, Verhungerten, Erfrorenen – lagen an den Straßenrändern. Fragen an das Verhalten der Deutschen drängen sich auf.

Durch die zahlreich zitierten Berichte Betroffener erlangt das Buch eine erdrückende Authentizität. Ellen Bohr aus Hamburg – damals 15 Jahre alt – schilderte ihre Beobachtung eines Todesmarsches durch Reichenberg (Liberec): »Wir konnten die Straße nicht überqueren, weil sich dort viele Menschen angesammelt hatten. Und dann sahen wir etwas, das es gar nicht geben konnte, und was wie ein schwerer Albtraum mich buchstäblich erstarren ließ: Auf einem riesigen Leiterwagen … waren unzählige Bündel gehäuft. Um den Wagen herum schoben und zogen, wie Pferde in die Deichsel gespannt, ausgemergelte, fast unmenschlich aussehende Frauen und Mädchen jeden Alters, in Lumpen gekleidet, dieses überdimensionale Fuhrwerk die hüglige Straße aufwärts. … Was mich mehr noch als alles andere schockierte, war die Tatsache, dass ich vor mir Mädchen sah, die so alt wie ich sein mussten, die aber einfach nicht in mein bis dahin so behütetes Leben passten. Unwirklicheres hatte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht gesehen. Auch Frauen in SS-Uniform hatte ich nie vorher gesehen. Dass sie … rechts und links auf Pferden neben dem Wagen ritten und schamlos vor allen Passanten … auf die Frauen einpeitschten, war nur noch ein anderes entsetzliches Detail.«

Ein umfangreiches Quellenverzeichnis und zahlreiche Landkarten zu den zurückgelegten Wegen der Gequälten sowie ein Ortsregister mit den damaligen und heutigen Ortsnamen vervollständigt den Anspruch als wissenschaftlich fundiertes Werk, das nicht nur Historikern, sondern darüber hinaus geschichtlich Interessierten zu empfehlen ist.

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