Europa im Widerstand

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geschrieben von Raimund Gaebelein

In Bremen fand die erste Präsentation der FIR-Ausstellung in Deutschland statt

Anruf eines älteren Herrn. Seine Frau hat in der Widerstandsausstellung ein Foto gesehen, das zwei Tote vor einem Hauseingang zeigt. Er lässt sich den Hauseingang beschreiben. Als Fünfjähriger musste er erleben, wie zwei Widerständler in Rotterdam im Treppenhaus erschossen, ihre Leichen zur Abschreckung vor den Hauseingang gelegt wurden. Dieses Bild hat sich bei ihm fest eingegraben. 008 Ero¦êffnung Ausst Europ Wid 210115

Es bedurfte einer ganzen Reihe von Schreiben und Gesprächen, bis die Ausstellung »Europäischer Widerstandskampf gegen den Nazismus« in der Unteren Rathaushalle in Bremen stand. Auf zwei Vorbereitungstreffen im November/Dezember wurden Interessierte darauf vorbereitet. Mit 33 Personen aus den Reihen von VVN-BdA, Kontakty, DKP Bremen und Roter Hilfe konnten wir sie 17 Tage zeigen. Danke an alle, die uns tatkräftig dabei unterstützt haben. Zum ersten Mal wurde die deutschsprachige Fassung der 51 Tafeln präsentiert. Die Bilanz: 3.252 Besucher*innen, davon 371 Schüler*innen aus 19 Klassen.

Das Medienecho war moderat. Vor der Eröffnung hatte FIR-Generalsekretär Dr.Ulrich Schneider ein Gespräch bei Radio Bremen, SAT 1 machte Interviews in der Ausstellung. Während sich der Weserkurier auf die Ankündigung der Eröffnung und nachfolgender Vorträge beschränkte, wurde die Kreiszeitung ausführlicher. Erste Besucher kamen am Tag nach der Eröffnung mit dem Artikel unter dem Arm, um die Ausstellung zu sehen. Was Wunder, dass Anmeldungen zu Führungen vor allem aus Schulen im Umland kamen, wiewohl die Bremer Lehrerzeitung sie bereits im Dezember ankündigte. Bei der Eröffnung wies Bürgermeister Jens Böhrnsen, dessen Vater Zwangsarbeit im Bewährungsbataillon 999 leisten musste, auf die aktuellen Gefahren hin, die Rechtspopulismus und Antisemitismus hervorbringen. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR, dankte den Frauen und Männern, die aktiv am antifaschistischen Kampf teilgenommen und als Zeitzeugen ihre Erfahrungen zur Verfügung gestellt haben. Ihr Einsatz für Menschenrechte und Freiheit, gegen Krieg und Besatzung, für einen demokratischen Neubeginn hat 70 Jahre nach der Befreiung ungeahnte Aktualität erhalten. Jean Cardoen, Direktor des Brüsseler Instituts der Veteranen, wies auf die Vielfalt der Widerstandsformen in den 21 Ländern hin, deren wichtigsten Ereignisse in der Ausstellung zu sehen sind, von der Untergrundpresse in Belgien und den Niederlanden, zu bewaffneten Partisanenaktionen in Griechenland und der Sowjetunion, Fluchtlinien von Piloten mithilfe eines Netzwerks durch das besetzte Europa und der Rettung tausender jüdischer Kinder vor ihrer Vernichtung. »Wir sind 190 Millionen und sie können uns nicht alle hängen«, symbolhaft blieb der Name der 18-jährigen Partisanin Zoia Kosmodeiamskaïa. Auf den Türmen sowjetischer Panzer stand ihr Name Zoia bei der Befreiung Berlins vor 70 Jahren.

Die Rolle der Frauen im Widerstand war ein wichtiges Thema bei der Führung von Schulklassen. Dank der Fragebögen, die uns Ulrich Schneider als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt hatte, ließ sich die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Merkmale des europäischen Widerstands hinführen. Durch Bremer Beispiele wie dem Wahrheitsprozess wegen Verbreitung illegaler Zeitungen zur Aufklärung der Bevölkerung über das wahre Gesicht des Faschismus, wurde Widerstand fassbar. Geschichten wie die des belgischen Lokführers Louis Verheggen, dessen beherztes Rangieren 1944 bewirkte, dass ein letzter Güterzug mit politischen Geiseln nicht die Grenze passieren musste, erleichterten den Zuhörern den Zugang.

Sechzig Einträge im Gästebuch spiegelten das Interesse wider, mehr über die Dimension und Tiefe des Widerstands zu erfahren. Neben der Betonung, die Ausstellung sei informativ, eindrucksvoll, aufschlussreich, notwendig, wurde der Wunsch weitergegeben, dass sie in jedem betroffenen Land zu sehen sein sollte. Für manchen öffnete sich eine »komplett neue Sicht«: »Ich kam mit ganz anderen Erwartungen – und blieb, las und fand doch Neues.« Andere bedauerten den eigenen mangelnden Hintergrund. »Es hätte noch so viel erzählt werden müssen«, hofft ein Kommentator. Bemängelt wurde allerdings auch, dass befreite Gebiete und zentrale Partisanenaktionen auf manchen Tafeln zu kurz gekommen waren. Und der Wunsch, dass Lehren daraus gezogen werden, blieb allgegenwärtig. Die Kommentare zeigen auch die Breite der Besuchergruppen, sind sie doch in acht Sprachen verfasst, darunter in Spanisch, Polnisch, Russisch und Iranisch.

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