Der unbestimmte Modus

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geschrieben von Thomas Willms

Die Sprache der Band »Bandbreite«

 

Gegen Auftritte der Band »Bandbreite« zu demonstrieren, ist notwendig, aber sicher kein schönes Erlebnis. Mit großer Regelmäßigkeit wird man dann nämlich zum hilflosen Adressaten eines mikrofonverstärkten Redebeitrages des Rappers Wojna. Danach ist einem gewiss ein wenig übel, wie nach dem Genuss einer Pilzmahlzeit, bei der irgendetwas schiefgegangen ist. Wojna genießt diese Situationen. Rapper gibt es natürlich, wie bei allen Kunstformen, so´ne und solche. Wojna wendet aber Rapper-typisches unheilvoll ins Politische.

Bandbreite-Reflexion

Als Künstler kommt er aus der Welt der »battle-raps«, Improvisations-Wortwettkämpfen, in denen es darum geht, den Konkurrenten zu »dissen«, ihn öffentlich gekonnt zu demütigen, zu beleidigen und vorzuführen, seine Glaubwürdigkeit zu zerstören und sich gleichzeitig selbst aufzuwerten. Was, wie beim Sport, die symbolische Bändigung von Gewalt sein könnte, endet in Los Angeles auch schon mal in einer Schießerei, oder kann, wie bei Wojna, zur politischen Waffe werden.

Es wundert nicht, dass diese Fertigkeiten des leidlich hübschen jungen Mannes in politischen Szenen, in der sich häufig hölzerne Redebeiträge immer noch mit zur Klampfe gesungenen Liedern ablösen, als modern, dynamisch und attraktiv gelten. Doch wenn das gesprochene Wort derart im Mittelpunkt der Akt-ion steht, was ist dann dessen Inhalt? Bei Wojnas Sprache lassen sich drei Bereiche erkennen, die zum besseren Verstehen hier separiert werden sollen, in der Realität aber völlig vermischt auftreten.

Auffällig ist zunächst der häufige Gebrauch von »–ismen« wie »Imperialismus«, »Faschismus«, »Zionismus«, »Antifaschismus«, gerne auch als Ausruf: »Faschist!«, »Zionist!« usw. . Sie entstammen überwiegend, aber nicht nur, dem Vokabular der politischen Linken. Eindeutig sind sie aber nicht, sondern vielfach ideologisch aufgeladen. Man tut gut daran, Wojnas »-ismen« mit demselben Misstrauen zu begegnen, das ein Missionar im vergangenen Jahrhundert vernünftigerweise den – mit eindeutigen Gesten der Nahrungsaufnahme verbundenen –Äußerungen von Angehörigen eines unbekannten Volksstammes in Neuguinea entgegenbrachte. Schließlich war nicht klar, ob man Anlass oder Gegenstand eines Festmahles werden würde.

Besonders beliebt ist bei Wojna – und den anderen, die zur Zeit über Mahnwachen-Gegner herziehen – der Ausruf »Antideutscher!«. Dieser Vorwurf hat einen Vorteil, den z.B. auch der NKWD schon zu nutzen wusste: die geheimen Netzwerke »polnischer Agenten«, »trotzkistischer Verschwörer« oder heute »antideutscher Spalter« existieren schlicht nicht und können gerade deshalb umso leichter dämonisiert werden.

Wojnas »-ismen« sind eingebettet in einen unspezifischen Sprachmodus, der auf das Unterbewusste zielt. Dieser ist an sich weder gut noch schlecht. Die Methode findet Verwendung in Therapien, Motivationsreden oder Berufsberatungen und gehört bei Pfarrern geradezu zum Berufsbild. Missbraucht und zum Nachteil der Zuhörer verwendet wird er gerne von Börsengurus, Sektenführern oder politischen Demagogen. Man kann ihn lernen, z.B. beim Studium des NLP, dem neurolinguistischen Programmieren.

In diesem Modus werden bevorzugt Komparative (tiefer, leichter, schwerer), Universalquantoren (jeder, alle, immer, usw.), allgemeine Urteile (»es ist falsch«, »es ist gut«), Adverbien der Zeit (schon, immer noch, sobald), indirekte Fragen (»Ich frage mich, was du als nächstes tun willst…«) und viele andere Techniken angewendet. Der Effekt ist, dass es dem Zuhörer überlassen wird, fehlende Informationen selbst zu finden und eine passende Bedeutung zu entwickeln. Bleibt der Sprecher in diesem einen Modus, weiß man gar nicht, was er eigentlich wirklich meint.

Wie leicht man so in die Irre geführt werden kann, zeigt das Beispiel Xavier Naidoos. »Dieser Weg wird kein leichter sein…« zu dem unsereins früher so gerne schwelgte, war von ihm doch ganz anders gemeint, wie sich herausgestellt hat: dieser Weg führte ihn nämlich direkt zu den Reichsbürgern.

Die wirkliche Wahrheit Wojnas, seine Weltsicht, seine Analyse und seine Feindbilder, werden dann kenntlich, wenn man bei seinen Texten den Kontermodus zur unspezifischen Sprache anwendet, den man aus gutem Journalismus kennt. »Wer, wer genau, wann, wie, was genau« ist zu fragen oder auch »Woran erkannt man, dass…?«, »Woher weiß man, dass…?

Kritisch auseinandergenommen bleibt an echten Inhalten bei Wojnas Songs und Redebeiträgen sehr wenig übrig. Es sind in erster Linie Selbstgratulationen, Schuldzuweisungen und Feinderklärungen schlichterer Art. Es geht um das Bündel aus »denen da oben, den Amerikanern und der Lügenpresse«, von dem man sich genauso gut auf Pegida-Kundgebungen berichten lassen kann.

Die Leichtigkeit und Nachhaltigkeit mit der ein zynischer Demagoge wie Wojna gleichzeitig neben zahllosen Rechts-Kontakten in Kreise einbricht, die sich selbstverständlich für kritisch und fortschrittlich halten, ist erschütternd. Lernen kann man aber daraus, dass von den ganz einfachen Antworten auf schwierige Fragen dringend Abschied genommen werden muss.

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