Nur die »Welt von Gestern«?

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geschrieben von Ernst Antoni

Der Abschied von Europa des Erfolgsschriftstellers Stefan Zweig

 

Als in Salzburg im April 1938 mit den Werken anderer Verfemter auch die Bücher von Stefan Zweig auf dem Residenzplatz in Flammen aufgingen, hatte der österreichische Schriftsteller die Stadt, in der er nach dem Ersten Weltkrieg über ein Jahrzehnt lang gewohnt hatte, bereits seit vier Jahren verlassen. Nicht allein die Stadt. Im Februar 1934 durchsuchte die Polizei des austrofaschistischen Regimes das Haus des damals weltbekannten Erfolgsautors (»Sternstunden der Menschheit«) und bekennenden Pazifisten. Der 1881 in Wien geborene Zweig begab sich daraufhin mit seiner zweiten Frau Charlotte nach England. Es sollte der Anfang eines Exils werden, das für das Ehepaar Zweig 1942 mit einem Doppelselbstmord in Brasilien sein Ende fand.

In Deutschland war Zweig bereits von Anfang der NS-Herrschaft an wegen seiner jüdischen Herkunft verfemt, seine Werke waren verboten und verbrannt worden. Nach dem »Anschluss« Österreichs brannten dann auch in Salzburg und anderswo die Bücher-Scheiterhaufen. Auch die Werke von Stefan Zweig, einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. In mehr als fünfzig Sprachen waren in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem seine Erzählungen und Novellen übersetzt worden. In einem von ihm »Hauptbuch« genannten großformatigen Notizbuch pflegte der Schriftsteller die Weltrechte seiner Bücher aufzulisten. Auch dieses »Hauptbuch« gehört zu den Exponaten einer anrührenden Ausstellung, die zuerst in Wien gezeigt wurde, derzeit in München zu sehen ist und hoffentlich danach noch an weiteren Orten.

Bis Ende vergangenen Jahres machte sie an ihrem Entstehungsort Furore, im Theatermuseum Wien, dessen Vorgängerinstitution, der Theatersammlung der dortigen Nationalbibliothek, der Autor nach seiner Emigration 1937 einen Teil seiner Handschriftensammlung vermacht hatte. »Autographen« aus den Beständen eines Menschen, der gerne und viel korrespondierte mit Autorenkolleginnen und -kollegen und anderen Berühmtheiten aus aller Welt. Handschriftliche Notizen verschiedener Schriftsteller und Publizisten, Bilder mit Widmungen und andere nicht nur historisch interessante Dokumente (neben vielen anderen etwa von Franz Kafka, Joseph Roth, Albert Schweitzer, Maxim Gorki).

Ein Teil dieser Exponate entfaltet durch die Art ihrer Zurschaustellung, durch ihr Arrangement in den Ausstellungsräumen, die besondere emotionale Wirkung, die über das kultur- und literaturhistorische Interessante hinaus uns als heutige Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen lässt an jenem erzwungenen »Abschied von Europa« des Ehepaares Zweig, vom Aufbruch nach England bis zum tragischen Ende in Brasilien. Sehen wir doch nicht mehr sämtliche Autographen, Fotos, Notizblätter, in Vitrinen und an den Ausstellungswänden, sondern einen großen Teil davon schon hineingeschlichtet in Umzugskartons, abgehängte Bilder lehnen herum: Auszug, Umzug, Exodus… Flankiert wird das von Film-, Bild- und Tondokumentationen mit Information zu Exilstationen, Lebensbedingungen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den jeweiligen Zufluchtsorten.

Der größte Ausstellungsraum ist ins Halbdunkel getaucht, in der Mitte steht schwach erleuchtet das große Modell eines Gebäudes. Es handelt sich um das 1873 zur damaligen Wiener Weltausstellung eröffnete Luxushotel Métropole, das im März 1938 nach dem »Anschluss« von den Nazis beschlagnahmt, »arisiert« und zur »Gestapo-Leitstelle« umfunktioniert wurde. Mit 842 Beschäftigten, heißt es im Katalog-Lesebuch, das zur Ausstellung erschienen ist, sei sie größer als die »Leitstelle« in Berlin gewesen.

Der faschistische Folterort Hotel Métropole hat eine wichtige Funktion in Stefan Zweigs 1941 entstandener berühmter »Schachnovelle«. Was dort vor sich ging, schildern, bedient man im Umfeld des Hotel-Modells die Audioguides und Videoprojektionen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Gefangenschaft und Verhöre überleben konnten. Dunkle, lederne Gestapomäntel an den Wänden des Saales vervollständigen die Inszenierung.

Neben der »Schachnovelle« ist zweiter literarischer Haupt-Bezugspunkt aus dem Werk Zweigs sein Erinnerungsbericht »Die Welt von Gestern«, den er in seinem letzten Lebensjahr fertig gestellt hat. Der durchgängige Exilbezug macht diese Ausstellung so nicht allein zu einem historischen Informationsort. Er eröffnet gerade angesichts der individuellen Schicksale, die in diesem Falle ja nicht von den Ärmsten der Armen handeln und dennoch von zunehmendem Elend und wachsender Verzweiflung, auch wichtige Ansätze zum Verständnis heutiger Flucht- und Exilproblematik.

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