Erinnern auch an die Ursachen

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antifa-Gespräch mit Ernst Grube zum neuen NS-Dokumentationszentrum in München

 

antifa: Vom 1. Mai an ist das neue »NS-Dokumentationszentrum« in der Münchner Briennerstraße auf dem Grundstück der ehemaligen NSDAP-Parteizentrale »Braunes Haus« der Öffentlichkeit zugänglich. Bis Ende Juli bei freiem Eintritt. Über 28 Millionen hat der von den Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wenzel entworfene Neubau gekostet, die Stadt München, die Bayerische Staats- und die Bundesregierung haben zu je einem Drittel die Finanzierung ermöglicht. Du gehörtest vor über zehn Jahren zu den Initiatoren, die solch ein Zentrum als »Erinnerungs- und Lernort« in der ehemaligen Nazi-»Hauptstadt der Bewegung« gefordert haben.

Ernst Grube (2)

Ernst Grube: Ich hatte bereits Gelegenheit, mich in den Räumlichkeiten umzusehen. Alles ist in diesen Tagen am Fertigwerden, die meisten Exponate sind schon dort. Ich muss wirklich sagen: So, wie es derzeit aussieht, ist der Eindruck überwältigend. Wenn man oben aus den Fenstern schaut: der Rundblick über diese Plätze und Bauten, zu denen und ihren Zusammenhängen mit NS-Regime, Größenwahn und Naziterror man in diesem Haus nun viel erfährt, das hat schon Wirkung. – Als vor mehr als zehn Jahren der Initiativkreis für die Errichtung eines solchen Dokumentationszentrums entstanden war, ein zivilgesellschaftliches Bündnis von Organisationen und für die Sache engagierten Einzelpersonen, was mussten wir da noch darum kämpfen, überhaupt einen adäquaten Platz für solch eine Einrichtung zu bekommen.

antifa: Hauptinitiator war ja der jetzige Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, der Architekturhistoriker und langjährige Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München, Professor Winfried Nerdinger. Dessen Vater Eugen Nerdinger war während der NS-Zeit als Sozialdemokrat aktiv im Arbeiterwiderstand in Augsburg und war von den Nazis verfolgt worden.

Ernst Grube: Kurz zusammengefasst kann man sagen: Ohne den Initiativkreis gäbe es heute kein Haus mit einem NS-Dokumentationszentrum in München. Und ohne den Professor Nerdinger hätte es keinen Initiativkreis gegeben, also erst recht kein Dokumentationszentrum. Wir alle verdanken ihm und seiner Beharrlichkeit viel. Ich gehöre als Vertreter der Lagergemeinschaft -Dachau dem Politischen Beirat für das Haus an, das ist eines von drei Gremien, das intensiv mit der Planung des Dokumentationszentrums befasst war; die beiden anderen sind das Kuratorium und der Wissenschaftliche Beirat. Gemeinsam konnten wir in den vergangenen Jahren viel auf den Weg bringen. Ich glaube nicht, dass das alles ohne Winfried Nerdingers Beharrlichkeit so möglich gewesen wäre. Es gab bei all den Institutionen, die gebraucht wurden, um solch ein Projekt zu finanzieren, jede Menge Vorbehalte. Gerne wurde etwa darauf hingewiesen, dass sich die Schwerpunkte der NS-Herrschaft ja nach der Machtübernahme der NSDAP schnell von München nach Berlin verlagert hätten. Da war viel von den Verdrängungen spürbar, die nach 1945 gerade in München und Bayern eine Rolle gespielt hatten und oft noch spielen: Vom Unwillen, sich kritisch mit der Entstehungsgeschichte des deutschen Faschismus, mit seinen Wurzeln, Ursachen und Umfeldern auseinanderzusetzen.

antifa: Wird dem nun deiner Ansicht nach in der jetzt fertiggestellten Dolkumentationseinrichtung Rechnung getragen?

Ernst Grube: Wie dieser »Lern- und Erinnerungsort« tatsächlich funktionieren wird, wenn sich erst einmal die hoffentlich ganz, ganz vielen vor allem jugendlichen Besucherinnen und Besucher im Gebäude bewegen, muss natürlich die Praxis zeigen. Aber die Voraussetzungen scheinen mir gut zu sein. Es gibt vier Bereiche, die – anschaulich dargestellt und mit wissenschaftlichen und pädagogischen Möglichkeiten zur Vertiefung ausgestattet – präsentiert werden: die Entwicklungen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, die Weimarer Republik, die NS-Zeit und schließlich auch die Nachkriegszeit mit einem Blick in die Gegenwart. Und das alles ganz konkret immer mit der Frage verbunden: »Was geht mich das an?« Die Angebote sollen sich ja auch nicht auf das Haus selbst beschränken. Es soll ein Zentrum werden, um das herum sich unterschiedlichste Aktivitäten entwickeln können. Da ist vieles noch im Werden.

antifa: »Mit dem NS-Dokumentationszentrum schließt sich eine über viele Jahrzehnte klaffende Lücke in der Münchner Erinnerungslandschaft«, meint Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Und lobt die »Initiative der engagierten Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt«.

Ernst Grube: Schon richtig, aber: In dieser »Erinnerungslandschaft« gibt es nach wie vor noch zahlreiche weitere Lücken. Gerade wenn es um die Würdigung des Widerstandes von einzelnen und von Gruppen, sehr oft aus den ehemaligen Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung, gegen das NS-Regime geht, gibt es große Defizite. Ich hoffe sehr, dass das NS-Dokumentationszentrum auch in dieser Richtung Anstöße geben kann und wird.

Die Fragen stellte Ernst Antoni

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