Beredtes deutsches Schweigen

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geschrieben von Peter Gstettner

Neue Gedenkstätte in Österreich erinnert an ermordete Kärtner Slowenen

Dass ich gebeten worden bin, hier bei der Denkmaleinweihung zu sprechen, verdankt sich neben anderem auch dem Umstand, dass ich von Beginn an die Projekte der Initiative »Hlipovčnik-Bunker« begleiten durfte. Dass diese Ansprache in Deutsch gehalten wird, verweist u.a. auf folgenden Sachverhalt: Die NS-Opfer von Zell/Sele wurden in einer Zeit hingerichtet bzw. kamen in einem KZ um, als die deutschen und österreichischen Nazis mit ihren »Blutrichtern« und SS-Schergen über Leben und Tod entschieden. In deutscher Sprache wurden die Urteile ausgestellt, in deutscher Sprache wurde den Hingerichteten das Lebensrecht und die Ehre aberkannt: »Sie sind für immer ehrlos«, hieß es im Todesurteil.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Auf Deutsch mussten die KZ-Häftlinge ihre Nummer sagen, wenn sie beim Appell aufgerufen wurden. Wenn sie das nicht sofort erlernten, konnte das ihren Tod bedeuten. Und wenn sie ihre Nummer auf Deutsch sagen konnten, ihr Überleben für diesen Tag. Die Nazis hatten ihnen ihren Namen geraubt, längst bevor sie ihnen das Leben raubten.

Auch wenn manche Kollaborateure slowenisch oder kroatisch gesprochen haben, die Tätersprache war Deutsch. Das ist eine Tatsache. Sie ist nicht relativierbar, auch wenn wir heute von einem Nazi-Unrechtstaat sprechen und wenn die Verurteilten als »rehabilitiert« gelten. Die Aufhebung der Unrechtsurteile der damaligen Nazi-Juristen geschah in Österreich erst vor fünfeinhalb Jahren. Dies änderte nichts an dem Umstand, dass die Wiederherstellung der Ehre der Hingerichteten Jahrzehnte lang kein Anliegen des deutschsprachigen Kärntens war. Lieber Totschweigen als Erinnern war das Motto.

Auch das Schweigen über die Nazi-Verbrechen in Kärnten geschah in deutscher Sprache. Es war ein deutsches Schweigen, ein beredtes Schweigen, das bald zum deutschen Vergessen wurde. Slowenisch waren Trauer und Verzweiflung; geflüstert und gestammelt waren die slowenischen Gebete und Fürbitten, am heimatlichen Herd und in der Kirche. In Deutsch wurde dafür über etwas Anderes sehr wohl gesprochen, nämlich darüber, ob die Täter vielleicht nicht auch »Opfer« gewesen wären, zumindest »Opfer von Verfolgung« nach 1945. Wir kennen das alle, weil es öffentlich geschah: Am Ulrichsberg wurde ja schon seit Jahren vom »Opfergang der Weltkriegsteilnehmer« und von den Kriegshandlungen jener SS-Soldaten gesprochen, die angeblich damals schon für ein »vereintes Europa« gekämpft haben.

So kam es, dass die Tätergesellschaft ihre »Helden« auf einer Unzahl von Kriegerdenkmälern verewigte. Im Gegenzug wurden die NS-Opfer aus dem Gedächtnis verdrängt, um sie schließlich ganz vergessen zu machen. Folglich war es nicht opportun, ihnen offizielle Denkmäler zu setzen. Die Schicksale und die Namen der NS-Opfer sollten auf diese Weise aus der deutsch-kärntner Heimatgeschichte verschwinden; dies geschah absichtsvoll oder nicht, vielleicht war es auch dem kollektiven Unbewussten geschuldet. Jedenfalls wurden damit genau die Menschen aus dem Geschichtsbewusstsein eliminiert, die die wahren Helden und Heldinnen waren. Sie hatten sich nicht mit den Nationalsozialisten arrangiert, sie waren keine Mitläufer und keine Mittäter, sie waren auch keine Karrieristen, die eine Position im Naziapparat haben wollten. Sie waren eben im Widerstand. In dieser Zeit der brutalsten Kriegsverbrechen der Nazi-Deutschen repräsentierten sie die Hoffnung auf die kommende Befreiung. Dafür setzten sie das Kostbarste ein, was Menschen haben: ihr Leben. Sie gaben es hin für eine Zukunft in Freiheit.

Dass die Befreiung im Frühjahr 1945 auch am Kärntner Horizont herauf dämmerte, verdankt auch das »Deutsche Kärnten« diesen mutigen Männern und Frauen. Deshalb ist der heutige Tag nicht nur ein Gedenktag unter vielen, die derzeit überall in Österreich begangen werden. Für uns, für die Kärntner Mehrheitsbevölkerung vor allem, soll die heutige Denkmaleinweihung auch ein Denk-Anlass sein, eingedenk der Zeit, in der die Mehrheit auf der Seite der absoluten Macht und Unmenschlichkeit stand und bei der Auslöschung aller menschlichen Werte mitwirkte.

Mit den Langzeitfolgen dieser verkehrten Welt, in der die radikale Umwertung aller menschlichen Werte geschah, sind wir permanent konfrontiert: Der Mensch hat sich vom Menschsein immer weiter entfernt. Und ist das menschliche Zusammenleben einmal so grundlegend zerstört, lässt sich das nur mehr schwer wieder gut machen. Die Zeit jedenfalls heilt keine Wunden. So fanden Hass und Gewalt in vielerlei Gestalt Fortsetzung bis in die heutigen Tage. Ein Denkmal wird daran so viel oder so wenig ändern wie ein Grabmal. Vielleicht kann aber – das ist unsere Hoffnung – die lebendige Erinnerung an die Menschen, die durch ihr Handeln dem Krieg und Terror die Stirn boten, unserem eigenen Handeln Orientierung geben und uns zukunftsfähig machen im eigenen Widerstand gegen Unrecht und Gewalt. – Ich danke für ihre Aufmerksamkeit. Hvala lepa.

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