Der Iwan war erst 12

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geschrieben von Regina Girod

Ulrich Sander erinnert an die Zwangsarbeiterentschädigung vor 15 Jahren

Auch 70 Jahre nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus ist das Thema »Entschädigung der Opfer« noch immer aktuell. Im Mai hat der Bundestag den etwa 4000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die heute noch leben, eine Entschädigung von jeweils 2500 EUR zuerkannt. Weniger als eine Geste, wenn man bedenkt, dass von den mehr als 5 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, bis zum Ende des Krieges bereits 3 Millionen umgebracht worden waren.

So kommt das Buch »Der Iwan kann bis Lüdenscheid« von Ulrich Sander gerade recht, um uns ein anderes Kapitel des Entschädigungsthemas noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die (ebenfalls sehr eingeschränkte) Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeitern durch die Bundesrepublik Deutschland, die in den Jahren 2000 – 2006 erfolgte. Ulrich Sander hat daran mitgewirkt, Entschädigungsberechtigte im Raum Lüdenscheid zu ermitteln. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchforstete er Archive und erstellte einen Datensatz mit rund 7500 Namen. Was ihm dabei begegnete, wer seine Arbeit unterstützte und wer sie behindert hat, hat er nun – mit der Publikation seines Tagebuches aus den Jahren 2000-2002 – öffentlich gemacht. Der etwas kryptische, an das »Lenin…Lüdenscheidt«-Buch des Bestsellerautors Richard David Precht erinnernde Titel geht auf einen zwölfjährigen russischen Zwangsarbeiter zurück, den Ulrich Sander stellvertretend für die vielen Menschen, auf seinen Titel hob.

Ein Tagebuch zu veröffentlichen, hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es authentisch. Es lässt konkrete Zeitumstände auferstehen. So, wie der Schreiber sie erlebt hat. Mit dem Wissen von damals, nicht mit dem von heute. Das regt natürlich zu Vergleichen an, auch zu der Frage: Hat die späte Entschädigung der Zwangsarbeiter etwas verändert im Bewusstsein der Bundesrepublik? Und wenn ja, was? In dieser Hinsicht spiegelt Ulrich Sanders Protokoll Historie sogar zweifach wider. Zum einen als Geschichte der Zwangsarbeit, wie sie sich aus den gefundenen Dokumenten erschließt. Zum anderen in Gestalt der Situation des Jahres 2000, als durch die Entschädigung der Zwangsarbeiter viele Menschen erstmals überhaupt gezwungen waren, sich mit der Problematik zu befassen. In dieser Beziehung ist das Buch ein interessantes Zeitdokument.

Doch es kann auch mühsam sein, ein Tagebuch zu lesen. Wenn man nicht weiß, ob das, was einen wirklich interessiert, überhaupt vorkommen wird. Weil an Stelle einer Systematik die Chronologie den Ablauf bestimmt. Und wenn einem, wie in diesem Fall, keine der handelnden Personen wirklich nahe kommt. Denn dieses Tagebuch ist ein Arbeitsjournal. Es beschreibt Vorgänge und Abläufe und die Menschen, von denen in ihm die Rede ist, bleiben auf ihre Funktionen beschränkt. Das ist unverzichtbar, sonst hätte sich der Autor wohl nicht vor Klagen retten können. Doch es macht aus seinem Text einen ziemlich trockenen Stoff.

Vor 20 Jahren habe ich, ebenfalls in einem ABM-Projekt, an einem Buch über jüdisches Leben in Berlin Friedrichshain mitgearbeitet. Vieles von dem, was Ulrich Sander beschreibt, ist uns da auch begegnet: Nachbarn und Kollegen, die von nichts gewusst haben wollten, oder versicherten, selbst stets menschlich geblieben zu sein. Der Osram-Konzern, der jüdische Zwangsarbeiterinnen beschäftigt hatte, doch beteuerte, darüber keinerlei Unterlagen zu besitzen (»Alles im Krieg verbrannt«) oder eine Grundstücksgesellschaft, die sich weigerte, an ihrem Haus eine Erinnerungstafel für eine kleine Synagoge anbringen zu lassen (»Kein Interesse«). Am Ende hatten wir, wie Ulrich Sander, eine Datenbank mit den Namen von mehr als 4000 jüdischen Menschen aus dem Stadtbezirk, die wir dem Heimatmuseum übergaben. Doch viel wichtiger war das Buch. In ihm waren exemplarisch Schicksale, Erinnerungen und Dokumente versammelt .Wenigstens einigen jüdischen Nachbarn aus Friedrichshain konnten wir damit ein Gesicht geben und die Verbrechen des Faschismus dort sichtbar machen, wo sie stattgefunden hatten – im normalen Alltag.

»Der Iwan kam bis Lüdenscheid« enthält Material für viele solcher Bücher. Material, das nun wohl nicht mehr genutzt werden wird. Wie der Autor damals fragt sich der Leser heute: Was ist aus dem 10jährigen Nikolai Keemann aus Kiew geworden, der laut Unterlagen »geflohen« war. Oder aus der 14jährigen Polin Leokadia Magnik, die als Landarbeiterin schuften musste? Haben sie überlebt? Konnten sie mit den Folgen der Versklavung fertig werden?

Für eine Antwort ist es heute zu spät. Eigentlich war es auch im Jahr 2000 schon zu spät dafür.

So bleibt es das Verdienst des Buches, am Beispiel der kleinen Stadt Lüdenscheid dokumentiert zu haben, wie schwierig es selbst 55 Jahre später war, wenigstens einem Teil der Zwangsarbeiter eine Entschädigung zukommen zu lassen. Dieses Unrecht, das Millionen Menschen durch den Faschismus erlitten haben, blieb im Prinzip ungesühnt. Eine bittere Wahrheit.

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