Erziehung ohne Auschwitz

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geschrieben von Astrid Ludwig

NS-Pädagogik ist in Frankfurt am Main kein Pflichtfach mehr

 

Micha Brumlik spricht von einem Skandal, der Jüdische Jugend- und Studentenverband Hessen kritisiert die Entscheidung scharf, der Asta der Goethe-Universität und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind empört.

Erheblicher Protest regt sich derzeit gegen die Entscheidung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, künftig die Vorlesungen zur Pädagogik in der NS-Zeit aus dem Curriculum für Lehramtsstudenten zu nehmen.

Sie sollen für den Besuch keine Credit Points, wichtige Leistungspunkte für das Studium, mehr erhalten. Das Studienangebot für angehende Lehrer zum Thema Indoktrination und Pädagogik im »Dritten Reich« soll nur noch als Spezialthema in Vertiefungsseminaren angeboten und bewertet werden. Zudem wurde das Studiengangs-Modul »Theorie und Geschichte« von zwei auf ein Semester gekürzt – auch Erziehungswissenschaftler erhalten dann nur noch die Hälfte an Credit Points.

Bisher galten die zwei aufeinanderfolgenden Vorlesungen und Seminare von Benjamin Ortmeyer über NS-Verbrechen, -Ideologie und –Pädagogik als vorbildliches Pilotprojekt. Keine andere deutsche Universität bietet das Thema in dieser Form für künftige Lehrer und Erziehungswissenschaftler an.

Zwischen 300 und 400 Studenten besuchten bisher jeweils die Vorlesungen der bundesweit einmaligen Forschungsstelle für NS-Pädagogik, die 2011 u.a. mit Mitteln der Goethe-Uni, des Fritz-Bauer-Instituts und der Hans-Böckler-Stiftung gegründet wurde. Bis zu seiner Emeritierung leitete der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik die Forschungsstelle gemeinsam mit Benjamin Ortmeyer.

Gerade im zurückliegenden Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag der von jüdischen Stiftern mitbegründeten Frankfurter Universität hatte sich die Forschungsstelle NS-Pädagogik mit einer Vorlesungsreihe zur NS-Geschichte der Hochschule und ihrer antisemitisch gesinnten Dozenten hervorgetan. Ortmeyer und Brumlik hatten beispielsweise daran erinnert, dass der KZ-Arzt Josef Mengele hier arbeitete und der judenfeindliche Erziehungswissenschaftler Ernst Krieck Rektor der Universität war.

Der Fachbereich begründet die umstrittene Änderung mit der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur Lehrerbildung. Laut einer offiziellen Stellungnahme der Universität, der Fachbereiche und der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung sind die Themen »Unterrichten, Erziehen, Diagnostizieren und Schulentwicklung« verbindliche curriculare Inhalte. Einführende Vorlesungen gebe es nur in diesen Kompetenzfeldern, nicht in Spezialthemen, heißt es. Einführende Vorlesungen zum Thema NS-Pädagogik existierten an keiner deutschen Einrichtung der Lehrerbildung im Pflichtbereich – nur als Zusatzangebote.

Als eine »Entwertung« dieser Inhalte sieht der Fachbereich das keineswegs, es gehe darum, den Studienbeginn besser und klarer zu strukturieren, so die Dekanin Diemut Kucharz. In Vertiefungsseminaren allerdings können vielleicht allenfalls rund 60 Studenten dem Thema folgen, in Vorlesungssälen mehrere Hundert.

Micha Brumlik kritisiert scharf, dass grundlegende Kenntnisse der Geschichte der Pädagogik und der NS-Zeit offenbar nicht zu den professionellen Qualifikationen von Lehrern gehören sollen. Benjamin Ortmeyer betont: »Wir haben versucht, uns an Adorno und seinen Grundsätzen der Erziehung nach Auschwitz zu orientieren, und jetzt soll das nur ein Spezialthema sein?« Er sieht die Bemühungen des Pilotprojekts, die NS-Pädagogik zu einem Pflichtthema für alle Universitäten zumachen, in Gefahr.

Noch im Jubiläumsjahr habe die Uni sich mit der Umbenennung von Straßen und Plätzen nach Adorno und Horkheimer geschmückt, schimpft Asta-Sprecher Daniel Katzenmaier. Jetzt behindere der Fachbereich die hervorragende Arbeit der Forschungsstelle und flüchte sich in Formalargumente und Ablenkungsmanöver.

Katzenmaier und der Asta halten das bisherige Angebot für einen grundlegenden Aufklärungsbeitrag für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer. Dem Fachbereich werfen sie vor, sich seiner gesellschaftlichen und politischen Bedeutung nicht bewusst zu sein.

Auch die GEW unterstützt Ortmeyer und kritisiert zudem, dass der prekäre Status der Forschungsstelle hartnäckig aufrechterhalten werde. Nur noch bis 2016 ist die Finanzierung und damit die Arbeit von Ortmeyer und vier Mitarbeitern gesichert.

Der Jüdische Jugend- und Studentenverband Hessen spricht von einem grundlegenden Beitrag für die Pädagogik und die ganze Gesellschaft. »Das Thema Erziehung nach Auschwitz muss gerade im Lehramtsstudium, wie Adorno forderte, Priorität haben«, betont der Verband.

Ortmeyer will seine Vorlesungen auf jeden Fall weiter anbieten. »Dann wird sich zeigen, wie wir die Anerkennung für die Lehramtsstudierenden regeln.«

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