Abschied von Hans Canjé

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geschrieben von Regina Girod

Am 6. Juli starb der Mitbegründer und langjährige Chefredakteur der antifa

 

Im November letzten Jahres erinnerte die VVN-BdA mit einer Matinee in der »Gedenkstätte deutscher Widerstand« an die antifaschistischen Widerstandskämpfer Kurt Goldstein und Emil Carlebach, die beide 100 Jahre alt geworden wären. Einer der Redner war Hans Canjé, mit 85 Jahren der Älteste im Kreis. Mit seiner charakteristischen, heiseren Stimme erzählte Hans, wie er als ganz junger Mann den Auschwitz-Überlebenden Kurt Julius Goldstein kennenlernte, der ihn geprägt hat, wie kaum ein anderer. Und wie er von dem ehemaligen Buchenwalder Emil Carlebach das Journalistenhandwerk lernte. In seiner Rede wurden 70 Jahre Geschichte des Antifaschismus lebendig. Hans` Humor und seine Menschlichkeit berührten die Zuhörer tief.

Hans Canjé am 8. Mai 2013 an der Kremlmauer in Moskau Foto: Christiane Mathejka

Hans Canjé am 8. Mai 2013 an der Kremlmauer in Moskau
Foto: Christiane Mathejka

Kennen gelernt habe ich Hans Canjé Anfang der 90er Jahre als Chefredakteur der antifa. Die war damals eine Monatszeitschrift, herausgegeben vom IVVdN, auf gutem Papier gedruckt und geheftet- eine professionelles Journal, dessen Redaktion sich jeden Montag traf. Gern erzählte Hans die Geschichte, wie Kurt Goldstein, ausgestattet mit der Autorität des ehemaligen Intendanten, ihn und eine Handvoll anderer Journalisten zu dieser Aufgabe »verdonnert« hatte. »Jetzt sei Schluss mit dem unproduktiven Rentnerdasein, man müsse den Antifaschismus der DDR verteidigen und weiter geben, eine kleine Aufwandsentschädigung könnte der Verband auch zahlen«. Da war Hans 61 und weit entfernt von einem Leben im Ruhestand, dem er selbst mit 80 noch nichts abgewinnen konnte. Er hat die Redaktion dann 13 Jahre lang geführt und das Konzept und den Stil der antifa geprägt. Sie war für viele aus dem Osten damals wichtig. Nach dem Ende der DDR versuchte man mit allen Mitteln, auch den Antifaschismus zu delegitimieren. Dem stellte sich die antifa entgegen. Hans organisierte für die Zeitung einen Beirat von Historikern aus Ost und West. Er setzte auf fundierte Argumente und eine klare Position. Und er wusste, dass es hier nicht nur um Politik, sondern auch um die Vermittlung einer Lebenshaltung ging. Und so wurde unsere Zeitschrift, was sie bis heute ist: ein »Magazin für antifaschistische Politik und Kultur«.

Dieses Konzept und auch der Name »antifa« blieben nach der Vereinigung der IVVdN und der VVN-BdA zu einer gesamtdeutschen antifaschistischen Organisation erhalten. antifa wurde ihre Zeitschrift, erschien nur noch zweimonatlich und auch die Redaktion kam nun aus Ost und West. Hans hätte sich gewünscht, dass die antifa eine Monatszeitschrift bleibt, doch dafür reichten die Mittel nicht. Auch wenn sein Name nicht mehr im Impressum stand, blieb er der Redaktion verbunden und brachte seine große Erfahrung ein. Die intensiven und vertrauensvollen Gespräche, die wir über all die Jahre führten, waren sehr wichtig für mich. Als Autor war Hans ohnehin unersetzlich. Ganz Journalist der alten Schule besaß er ein Archiv, das bis in die 50er Jahre reichte. Er nutzte es vor allem für Artikel über den Umgang der alten BRD mit der Nazivergangenheit. Geschichte des Widerstands, Gedenkstättenpolitik und der Kampf für die Rehabilitierung der Opfer des kalten Krieges waren weitere Themen, die er immer im Blick behielt.

In den letzten Jahren habe ich Hans´ Lebenshaltung oft bewundert. Er lebte gern und ließ sich auch von schwerer Krankheit nicht entmutigen. Nach einer hochriskanten Herz-OP erlitt er einen Schlaganfall. Monatelang kämpfte er sich zurück ins Leben. Als er nach langem intensivem Training wieder ein paar Schritte gehen konnte, meinte er: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffen würde, aber warum musste es so lange dauern?« Und arbeitete weiter wie zuvor, schrieb Artikel, besuchte Veranstaltungen und er reiste – nun im Rollstuhl und mit Hilfe der Familie und von Freunden. 2013 begleitete ihn seine Enkelin nach Moskau. Gemeinsam mit Freunden der Spanischen Republik nahm er an einem internationalen Forum teil und besuchte das Kinderheim in Ivanovo. 2014 flog er mit seinem Enkelsohn nach Barcelona. Und er berichtete darüber in der antifa.

Aber seine Leiden nahmen zu und Hans war sich bewusst, dass er in diesem Kampf nur Zeit gewinnen, doch nicht siegen konnte. Noch immer voller Pläne, wog er ab, welche Therapien für ihn in Frage kamen. Und welche nicht. Sein Tod kam plötzlich, genau an jenem Tag, als die Juli-antifa in Druck gegangen war. Mit einem Beitrag von Hans Canjé, der nun sein letzter bleiben wird. Eine Ära ist damit zu Ende gegangen.

Hans war ein gerader, aufrechter Mann. In Anlehnung an das Märchen der Gebrüder Grimm nannte ihn Kurt Goldstein manchmal »mein treuer Hans«. Das passte gut, denn Hans war treu. Er war und blieb, wofür er sich in seiner Jugend entschieden hatte: Antifaschist und Kommunist. Zu seinen Überzeugungen stand Hans wie zu den Menschen, mit denen er verbunden war – als Liebender und als Geliebter, als Freund, Genosse und als Kamerad.

Wir werden ihn nicht vergessen.

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