Zwangsarbeit und Vernichtung

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geschrieben von Manfred Weißbecker

Susanne Willems legt neue Darstellung der Lagergeschichte von Auschwitz vor

 

Selten wird ein Buch zu historischen Themen zu finden sein, dessen auffällig edle Gestaltung bereits Aufmerksamkeit und Lese-Neugier des Betrachters weckt. Niemand kann es bestreiten: Das vorliegende Buch ist einfach schön zu nennen, trotz seines Gegenstandes, der unwillkürlich Schauder und Entsetzen hervorruft.

Auschwitz: Die Geschichte des Vernichtungslagers, Edition Ost, Berlin, 256 Seiten, 29,99 Euro

Auschwitz: Die Geschichte des Vernichtungslagers, Edition Ost, Berlin, 256 Seiten, 29,99 Euro

Indessen gilt das in gleichem Maße für den Text, den Susanne Willems nach längeren Aufenthalten in Oswiecim sowie in einer Reihe von Archiven verfasst hat. Er verdient größte Anerkennung. Gegliedert ist er in 20 jeweils in sich geschlossene und daher auch jeweils für sich lesbare Teile, die zumeist dem chronologischen Darstellungsprinzip folgen. Der erste, drei Seiten nur umfassend, zählt die aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ins Konzentrationslager Deportierten auf und benennt die Opfer: die 7.000 am 27. Januar 1945 von den sowjetischen Befreiern vorgefundenen bis hin zu den 1,3 Millionen Menschen, die – errechnet in bisherigen historischen Forschungen – insgesamt in das Lager deportiert worden sind. Von den annähernd sechs Millionen unter deutscher Herrschaft ermordeten europäischen Juden kam eine Million in Auschwitz ums Leben. 900.000 wurden nach der Ankunft im Lager sofort als arbeitsuntauglich in die Gaskammern geschickt. Vom ersten Tag an war und blieb das KZ eine Baustelle. Das ursprünglich als Ort der Internierung, Folter und Vernichtung politischer Gefangener aus Polen geplante Lager weitete sich nach dem Überfall auf die UdSSR zu einem für sowjetische Kriegsgefangene aus und wurde Schritt für Schritt zur größten Vernichtungsstätte innerhalb des deutschen Lagersystems um- und ausgestaltet.

In bislang unbekannter Ausführlichkeit stellt Willems Entstehung, Anfänge und Aufbau des sogenannten Stammlagers dar. Vor allem die Interessen der I.G. Auschwitz führten rasch zu dessen Ausbau und zum Beginn der Massenvernichtung. Ein eigenes Kapitel behandelt das spezielle Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen, andere das Frauenlager und jenes, in dem Sinti und Roma vegetieren mussten. Mehrere Kapitel – sie bilden den Kern des Bandes – gelten dem das ursprüngliche Lager ergänzenden Lager Birkenau, das Platz für 12.000 Gefangene bieten sollte. »Massenvernichtung und Sklavenhaltung« – so ist eines der Kapitel überschrieben, doch dieser Titel charakterisiert zugleich den roten Faden der gesamten Darstellung. Verwiesen wird ebenso auf die Versuche von Häftlingen, Widerstand zu üben und zu revoltieren. Ein Kapitel über Geschichte und Konzeptionen des Museums zur Geschichte von Auschwitz-Birkenau sowie eine detailreiche Zeittafel runden den Band ab.

Susanne Willems kann nachweisen, wie seit Beginn des Jahres 1941 die I.G. Farbenindustrie AG, damals das weltweit größte Chemieunternehmen, mit der Gründung eines seit Oktober 1939 geplanten Werkes in Auschwitz entscheidenden Einfluss auf die industrielle Ausbeutung der Region nahm. Für ihre Baustellen waren nicht allein polnische Einwohner zu vertreiben, sondern vor allem die benötigten Arbeitskräfte zu rekrutieren. Himmler wies seine Untergebenen in Auschwitz am 26. Februar 1941 an, die Bauvorhaben durch die Gefangenen »in jedem nur möglichen Umfang zu unterstützen.« Und im Mai 1942 befahl er, »größere Judenmengen dem K.Z. Auschwitz zwecks Arbeitsleistung« zu überstellen. Zwei Monate zuvor hatte der Rüstungsminister Albert Speer bereits verlangt, dass die Konzentrationslager »in stärkerer Form für die Rüstungsfertigung eingespannt« werden. Das KZ Auschwitz sah man als eine Art Ergänzungsbetrieb zum Bau des eigenen Werkes an. Arbeitssklaven wurden zu lächerlich geringen Mietpreisen geliefert, brutal geschunden und ausgebeutet. »In jedem Fall akzeptierte die Industrie nur leistungsfähige Arbeitssklaven. Die SS in Auschwitz nahm Häftlinge nach Verschleiß ihrer Arbeitskraft zurück, brachte sie so schnell wie möglich um und lieferte den Betrieben Ersatz« – so das Urteil der Autorin. (S. 147)

Zugleich sollte also Arbeit eines der Mittel sein, Menschen zu vernichten, vor allem jüdische, die aus allen Teilen Europas nach Auschwitz deportiert wurden. Das Prinzip Profit durch Arbeit sah sich ergänzt durch das Konzept Vernichtung durch Arbeit. Darin bestand letztlich der Sinn des Spruches, der den Eingang in das Lager überspannte: »Arbeit macht frei«. Das alles galt auch für andere Firmen, die sich im Umfeld von Auschwitz zuhauf ansiedelten, u.a. für Krupp, Siemens und für die Betriebe des SS-Unternehmens Deutsche Ausrüstungswerke (DAW).

Auschwitz-Birkenau verfügte infolge der Massendeportationen von europäischen Juden stets über so große und kontinuierlich ergänzbare Arbeitskräftereserven, dass hier ein Gefangenenleben nichts galt, weniger sogar als in anderen Konzentrationslagern. Völlig berechtigt ist die Aussage von Susanne Willems, dass Albert Speer beim Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher vermutlich auch zum Tode verurteilt worden wäre, hätten die Richter das von der Autorin ermittelte Material bereits gekannt.

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