Der Kampf zehrt an den Kräften

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»Sächsische Verhältnisse« machen es Nazis in Dresden leicht

 

antifa: Am 24. Juli ist in Dresden eine Zeltstadt für Refugees errichtet worden. Wann hast du vom Aufbau erfahren und was war dein erster Gedanke dazu?

Dresden Nazifrei: Vom Aufbau der Zeltstadt habe ich im Zusammenhang mit den Angriffen auf die dortigen DRK-Mitarbeiterinnen erfahren. Ich fand es besorgniserregend, dass jetzt sogar schon Menschen vom Roten Kreuz angegriffen werden. In Anbetracht der Situation in Freital habe ich mich ohnmächtig gefühlt, weil die Nazis in Sachsen so unglaublich viele sind und so viel Unterstützung erfahren aus dem ›besorgten‹ Bürgerspektrum.

antifa: Noch am ersten Abend gab es einen Demonstrationsaufruf der NPD direkt vor der Zeltstadt. Wie verlief der Abend aus deiner Sicht?

Dresden Nazifrei: Der Abend verlief aus meiner Sicht ziemlich überraschend. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die NPD zu solch einer Mobilisierung in der Lage sein könnte. Die letzten Jahre dümpelten dort immer nur die gleichen 20-50 Leute herum, weil sie in Dresden das radikale Lager nicht mehr an sich binden konnten. Die Polizei fand diese Situation aber offensichtlich nicht besorgniserregend. Gegen 18:30 Uhr begann die NPD-Veranstaltung und damit auch die üblichen Gegenrufe. Die Nazis haben eindeutig versucht, zu provozieren, z.B. als René Despang (Ex-Landtagsabgeordneter der NPD) mit seinen Kameraden durch unsere Reihen gelaufen ist. Doch bis zum Ende der NPD-Veranstaltung verliefen die Proteste weitgehend ruhig, bis auf einen Angriff auf ein ZDF-Team. Die Nazis haben versucht, durch (perverse) Gesten zu provozieren. Letztlich war ich froh, als diese Gruselvorstellung für beendet erklärt wurde, während die Gegenkundgebung weiter aufrecht erhalten bleiben sollte. Von der Polizei war ja leider nicht zu erwarten, dass sie auch nur eine Minute länger bleibt, um die Zeltstadt und die ankommenden Menschen zu schützen. Ich weiß nicht, was wir in der darauf folgenden Situation besser hätten machen können. Zunächst versuchten sich die Hooligans geschlossen auf unsere Seite zu bewegen. Die Polizei ging maximal halbherzig dazwischen, unbehelmt und ohne sonstige übliche Ausrüstung. Nachdem die Hools jedoch zurückgedrängt wurden, fingen sie an, mit allem, was sie gefunden haben, zu werfen. Also flog mal eine Warnbake, dann wieder die eine oder andere Flasche und letztlich auch Böller.

antifa: Würdest du sagen, das hat auch was mit Pegida zu tun?

Dresden Nazifrei: Auf jeden Fall! Pegida von den Vorfällen in der Zeltstadt zu trennen ist, als würde man ein schlechtes Ei essen und die darauf folgenden Magenkrämpfe nicht damit in Verbindung bringen.Pegida hat ein Klima geschaffen, in dem es normal ist, Menschen als ‚Dreckszeug‘ und ‚Gesindel‘ zu bezeichnen. Ich finde es einfach nur widerwärtig, sich derartig über andere Menschen zu äußern. Bei Pegida gilt das jedoch als Meinungsfreiheit. Diese Nazi-Rhetorik ist damit auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich möchte aber nicht den Fehler machen und die Schuld allein auf Pegida schieben. Denn natürlich hat es seine Gründe, warum Pegida gerade in Dresden so erfolgreich war. Stichwort: sächsische Verhältnisse!

antifa: Wie würdest du den Stand in der Auseinandersetzung zwischen NPD, AfD, Pegida auf der einen und antifaschistischen Strukturen auf der anderen Seite in Dresden beschreiben? Von außen wirkt es oft, als würdet ihr den Kampf gegen sehr große Widerstände führen.

Dresden Nazifrei: »Kampf gegen sehr große Widerstände« beschreibt die gegenwärtige Situation schon sehr gut. In Dresden, so fühlt es sich jedenfalls für mich an, hat man es als Nazi einfacher. Wer gegen NPD, AfD oder Pegida auf die Straße geht, wird kriminalisiert und als Schreihals betitelt, der die Meinung anderer nicht akzeptiert. In Dresden haben wir neben den Nazis zusätzlich die sächsische Justiz, große Teile der Stadtgesellschaft, den gepflegten Opfermythos und die Behörden gegen uns. Diese ewigen Kämpfe zehren an den Kräften. Vor allem dann, wenn überall woanders der Protest gegen Nazis und die *Gidas von allen Seiten gewollt und unterstützt wird, nur in Dresden stehen wir alleine da.

antifa: Ganz persönlich gefragt: Wie geht es dir, was macht die aktuelle Situation mit dir?

Dresden Nazifrei: Ich glaube, an meinen Antworten auf die vorangegangenen Fragen ist ganz gut erkennbar, was die aktuelle Situation mit mir macht. Zwischen Verzweiflung und Frustration befindet sich mittlerweile eine unglaubliche Abneigung gegen diese Stadt. Doch dann gibt es immer noch die Leute, die zusammen mit mir für ein Leben ohne Hass und gegen Nazis gearbeitet haben, die genauso viel und noch mehr Energie rein gesteckt haben. Die vielleicht genauso am Ende ihrer Kräfte sind und die es sich nicht lohnt, im Stich zu lassen. Noch viel wichtiger sind jedoch die Menschen, die keine Wahl haben, ob sie hier leben oder nicht. Und wenn ich dann darüber nachdenke, diese Stadt einfach hinter mir zu lassen, fällt mir ein, dass diese Menschen dann wieder einen weniger haben, der oder die sich für sie einsetzt. Jeder, der geht, ist ein Sieg für die Nazis.

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