Sanitäter und Poet

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Eine Erinnerung an Ludwig Detsinyi/David Martin zu seinem 100. Geburtstag

 

Wir blicken in den Februar des Jahres 1937. Der Spanische Bürgerkrieg ist voll entbrannt. Die Kämpfe konzentrieren sich vor allem rund um Madrid. Zu einer wichtigen Etappe im Freiheitskampf des spanischen Volkes wurde die Schlacht am Jarama. Mit den Kämpfern des Dimitroff-Bataillons marschierte und kämpfte auch der in Budapest geborene, ungarisch-deutsch-jüdische Sanitäter Ludwig Detsinyi an der Jarama-Front. Am 22. Dezember 1936 hatte er in Albacte seinen 21. Geburtstag gefeiert. In seinen Kinderjahren waren die Eltern von Budapest nach Berlin gezogen.

Zu dem Foto schreibt Detsinyi: »Ich schicke dir das Original-Foto von mir als Sanitäter in Spanien. Mein Gesicht ist glatt rasiert und ich trage eine Kappe mit zwei Zeichen, einen roten Stern über einem Roten Kreuz. Es ist eine exakte Wiedergabe von mir als ein sehr junger Mann, der in den Internationalen Brigaden in Spanien kämpft. Es wurde Anfang 1937 in der Stadt Albacete gemacht. Don Quijote kam auch aus dieser Region, der Ritter von der traurigen Gestalt, der mit seiner Lanze gegen die Windmühlen kämpfte und sein Schwert dazu benutzte, den Unterdrückten zu helfen. Wir von den Internationalen Brigaden liebten auch die Freiheit.« »Und so sehe ich heute (1988) aus.«

Zu dem Foto schreibt Detsinyi:
»Ich schicke dir das Original-Foto von mir als Sanitäter in Spanien. Mein Gesicht ist glatt rasiert und ich trage eine Kappe mit zwei Zeichen, einen roten Stern über einem Roten Kreuz. Es ist eine exakte Wiedergabe von mir als ein sehr junger Mann, der in den Internationalen Brigaden in Spanien kämpft. Es wurde Anfang 1937 in der Stadt Albacete gemacht. Don Quijote kam auch aus dieser Region, der Ritter von der traurigen Gestalt, der mit seiner Lanze gegen die Windmühlen kämpfte und sein Schwert dazu benutzte, den Unterdrückten zu helfen. Wir von den Internationalen Brigaden liebten auch die Freiheit.«

1935 war er aus Berlin, wo er seine Kindheit und Jugend auch als kämpfendes Mitglied im KJVD verbracht hatte, über Holland und Ungarn nach Palästina emigriert. Dort erreichte ihn die Nachricht vom Putsch der Franco-Faschisten gegen die rechtmäßige spanische Regierung. Detsinyi schreibt dazu in einem langen Brief (eine Art Lebenslauf) an den Verfasser dieser Erinnerung:

»Als die Faschisten die Spanische Republik angriffen, war in meinen Leben plötzlich alles durcheinander. Ich wollte unbedingt nach Madrid. Ich begann damit, für die Fahrt Geld zu sammeln…Wir waren eine Gruppe von sieben jungen Männern und verließen Palästina in Richtung Spanien auf der ›Mariette Pasha‹ (Messagerie Maritimes). Ich glaube nur zwei von uns haben schließlich überlebt…In Albacete wurden wir so etwas wie gemustert und erhielten eine kurze militärische Grundausbildung. Schnell fand man heraus, dass meine Kurzsichtigkeit zu groß war für einen guten Infanteristen.

Aber in Palästina hatte ich eine Erste-Hilfe-Ausbildung bekommen. Und außerdem war ich ein guter Linguist. Ich sprach fließend Deutsch, Französisch und Englisch. Einigermaßen Italienisch und lernte schnell Spanisch. Das wurde besonders dringend in unserer, vielsprachigen Brigade und im medizinischen Bereich der Internationalen Brigaden gebraucht. Und ich war ja in Budapest geboren Also war ich eigentlich ein Ungar.

Mit diesen Voraussetzungen wurde ich ganz selbstverständlich der im Aufbau befindlichen XV. Internationalen Brigade und ihrem Bataillon Georgi Dimitroff zugeordnet. Und wegen meiner Kurzsichtigkeit wurde ich dem medizinischen Stab zugeteilt. So I was made an infermero, a first-aid man in the Dimitrov Battalion of the 15. Brigade..

Es vergingen nur wenige Tage, bis unsere Brigade an der Jarama Front eingesetzt wurde.«

 

Detsinyi schreibt darüber:

»Ab dem 9. Februar war ich am Jarama im ›Weißen Haus‹ oberhalb von Morata das erste Mal in Aktion. Mit den Dimitrovs!«

Und er reflektiert über diese Zeit:

»Ich konnte niemals ein guter Soldat sein, in keinem Truppenteil. Heute denke ich, dass ich, wenn ich ein paar Jahre älter gewesen wäre, versucht hätte, nach Spanien zu gehen als ein Schriftsteller, als Propagandist oder so etwas – so wie es einige antifaschistische Schriftsteller getan haben. Aber ich hatte nichts publiziert. Ich war im wirklichen Sinne des Wortes kein Schriftsteller. Spanien half mir, einer zu werden!

Und ich bin sicher, dass die Ahnung und die Hoffnung, einmal einer zu werden und die Lust zum Experiment etwas zu tun hat mit meinem Kampf im spanischen Freiheitskampf – es war eine Ergänzung meiner politischen Passion. Ich war sehr häufig ängstlich – kalte Entschlossenheit ist nicht typisch für mich.

Das hatte möglicherweise etwas zu tun (Ich bin mir aber nicht wirklich sicher) damit, dass ich nicht versucht habe, mich den deutschen Inter-Brigadisten anzuschließen. In meinen Vorstellungen waren sie ›Männer aus Stahl‹.

Ich selbst verstand mich als Kommunist, aber habe mich nicht darum bemüht, in die Parteistrukturen in Spanien hineingezogen zu werden. Ich wollte keine ideologischen Diskussionen. Ich war jung, dem spanischen Freiheitskrieg völlig ergeben. Ich wollte und hoffte etwas tun zu können gegen diese Bastards, und ich hoffte zu überleben mit Weisheit für die Freiheit.«

 

In diese Zeit fällt die Geburtsstunde des Dichters Ludwig Detsinyi, des späteren David Martin. Er selbst beschreibt es so:

»In dieser Zeit schrieb ich Gedichte wie nie zuvor. Jetzt und später habe ich Gedichte von mir an Bäume und Telegrafenmasten genagelt für die »stretcherbearers and first-aidmen« (und andere) zu lesen. Ich schickte Gedichte, die ich in der deutschen Sprache schrieb, an deutsche antifaschistische Exil-Publikationen – ohne mir über die Resultate Gedanken zu machen.«

»Und so sehe ich heute (1988) aus.«

»Und so sehe ich heute (1988) aus.«

Eine erste Veröffentlichung außerhalb Spaniens kann in »Die neue Weltbühne«, Heft 21, 20. Mai 1937, S. 665 nachgewiesen werden. Es ist sein Gedicht »Die Italiener«. Es folgen in regelmäßigen Abständen Veröffentlichungen seiner Gedichte und Berichte in fast allen Exilzeitschriften sowie in Publikationen der Internationalen Brigaden. Sie zeigen seine wachsende Meisterschaft und sind beachtliche Proben seines erkennbaren literarischen Talents. Als die Antifaschisten in Paris und darüber hinaus in allen Exilzentren im November 1938 das Sonderheft »Der deutsche Schriftsteller«, Zeitschrift des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in den Händen halten, stoßen sie darin auch auf den Beitrag: »Junge Schriftsteller in Spaniens Schützengräben«

Darin erfahren sie: »…Doch nicht von ihnen will ich hier sprechen, sondern von drei Kameraden, die durch ihre schriftstellerischen Leistungen in Spanien durchaus ernst zu nehmender Nachwuchs geworden sind: die Kameraden Edy Brendt, Ludwig Detsinyi und Erich Arendt…Ludwig Detsinyi ist vielen vielleicht schon bekannt, denn mehrere seiner Gedichte standen in den deutschen Literaturzeitschriften ‘Internationale Literatur’, und ‘Wort’. Sein ‘Lied von der Jaramafront’ ist unter den internationalen Kameraden in Spanien sehr populär geworden. Seine Gedichte ‘Der Stoßtrupp’. ‘Peter, mein Kamerad’, ‘Ralph Fox gewidmet’, ‘Luftschutzkeller’ und viele andere zeigen seine große Begabung.«

Wie zur Bestätigung übernimmt Willi Bredel diese Würdigung.

Auch Alfred Kantorowicz weist in seinem Beitrag »Fünf Jahre Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil«, der in der Zeitschrift »Das Wort« erschien, auf ihn hin. Später werden Arbeiten von ihm in fast allen bekannten Anthologien mit Literatur zum Spanischen Bürgerkrieg aufgenommen.

Silvia Schlenstedt würdigt ihn mit dem Hinweis: »Gedichte zu schreiben, die den Gefallenen ein Gedächtnis bewahren und dennoch nicht zum ‘Klagelied’ werden, war für Ludwig Detsinyi ein wichtiger Schreibimpuls.«

Zu wahrem Weltruhm gelangt sein »Lied der Jaramafront«. Detsinyi antwortet dem Verfasser dieser Erinnerung auf eine entsprechende Frage:

»Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann genau (the exact date) ich das »Lied der Jaramafront« (bekannt als ›Am Rio Jarama, Februar 1937‹- so habe ich es betitelt) geschrieben habe. Wahrscheinlich ist, (ja, ich bin mir nach längerem Nachdenken ganz sicher), dass ich es in einer kurzen Feuerpause, in einem Schützengraben mehr liegend als stehend geschrieben habe. Ich hatte immer so eine Art kleinen Rucksack mit, in dem auch ein Stift und ein wenig Papier waren. Und da hatte ich den Anfang ›Genossen im Graben, singt alle mit, laßt schweigen die anderen Lieder…‹ Ich hab das dann im Hospital immer und immer wieder abgeschrieben und, wie schon gesagt, an Bäume und Telegrafenmasten entlang der Straße genagelt. Ich erinnere mich auch ganz sicher, dass ich es eines Tages im Hospital, in den Sendungen von Radio Moskau (die Sendungen haben wir immer gehört) gehört habe – gesungen von Ernst Busch. I was stunned! Wahrscheinlich hat es Ernst Busch an einem Baum gefunden, an den ich auch dieses Gedicht genagelt hatte. Aber, wahrscheinlicher ist, dass er es in einer der vielen Brigadezeitungen, die es abgedruckt haben, gefunden und vertont hat.«

Diese Bemerkung wird verständlich wenn man bedenkt, dass sich Ernst Busch zu dieser Zeit auch an den Fronten Spaniens aufhielt. Er sammelte -Gedichte, die er vertonte und Lieder und veröffentlichte sie. Nach einem ersten kleinen Heft erschien schon Anfang Juli 1937 ein Buch mit etwa 100 Liedern. Im Juni 1938 kam die letzte, die 5. Ausgabe heraus. Die »Canciones de las Brigadas Internacionales« enthielten ältere und vor allem neue Lieder der verschiedenen Nationen in der jeweiligen Sprache und die bekanntesten in mehreren Sprachen.

Detsinyi verließ Spanien Ende April 1938. Über Paris gelangte er zu seinen Eltern nach London. Dort, am Ende einer großen Solidaritätsmanifestation für das spanische Volk und verstärkt durch die Entwicklung in Deutschland erkannte er die Unmöglichkeit, weiter in der deutschen Sprache zu schreiben. Folgerichtig wechselte er in die englische Sprache und nahm über verschiedene Zwischenstationen als Journalist für britische Zeitungen seinen endgültigen Wohnsitz in der Ortschaft Beechworth in Australien. Aus Ludwig Detsinyi wurde – bereits Ende 1938 in England – der Schriftsteller David Martin.

Sein Werk erfuhr in Australien große Beachtung, seine Bücher, insbesondere seine Jugendbücher, erreichten hohe Auflagen.

Der vielfach geehrte Schriftsteller starb am 1. Juli 1997. Er hat uns ein reiches literarisches Werk hinterlassen, dreißig Bücher, die ihn zu einem der wichtigsten zeitgenössischen australischen Dichter gemacht haben und der, wie er dem Verfasser dieser Erinnerung versicherte »immer links geblieben« ist.

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