Erklärungen ohne Gehalt

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geschrieben von Janka Kluge

Zschäpes und Wohllebens Aussagen dienten nicht der Aufklärung der NSU-Verbrechen

 

Kurz vor Ende des letzten Jahres war die Sensation beim Verfahren gegen Beate Zschäpe in München perfekt. Sie ließ über ihren neuen Anwalt mitteilen, dass sie bereit sei, eine persönliche Erklärung verlesen zu lassen. Danach folgte eine ähnliche Ankündigung von Ralf Wohlleben. Der ebenfalls in München angeklagte Wohlleben gehörte jahrzehntelang zu den führenden Neonazis in Ostdeutschland. Ihm wird Unterstützung bei den Morden des NSU-Trios vorgeworfen. Laut Anklage soll er die Waffe mit Schalldämpfer besorgt haben mit der Mundlos und Böhnhardt neun Migranten erschossen haben.

Beate Zschäpe hatte sich offenbar zu der Aussage entschlossen, weil sie merkte, dass ihre bisherige Strategie zu schweigen in eine Sackgasse führt. Immer deutlicher kamen Fakten ans Licht, die belegten, dass sie Teil des terroristischen Vorgehens war. Bis jetzt konnte ihr nicht nachgewiesen werden, dass sie an einem der Tatorte anwesend war, doch sie hat die bürgerliche Tarnung der Gruppe mit aufrecht gehalten. Besonders die Angehörigen der Opfer hatten sich viel von ihrer Aussage versprochen. Ihre Hoffnung, zu erfahren warum ihr Vater, Bruder oder Sohn von den Nazis ermordet wurde, blieb jedoch unerfüllt.

Beate Zschäpe verfolgte mit ihrer Erklärung eine andere Strategie. Sie stellte sich als verführte, eigentlich harmlose junge Frau dar, die auf die Kameradschaft der Neonaziszene hereingefallen sei. Ihr haben, so lässt sie ihren Anwalt ausführen, die Trinkgelage gefallen und dabei sei es schon mal vorgekommen, dass sie ein Nazilied mit gegrölt habe. Ansonsten sei sie aber eher unpolitisch gewesen. Alles was sie gemacht habe, hätte sie aus Liebe und später aus sexueller Hörigkeit getan, doch keineswegs und nie aus politischer Überzeugung. Aus dieser Liebe heraus sei sie mit abgetaucht und habe mit den beiden Uwes ein Leben in der Illegalität geführt. Vom ersten Mord habe sie erst lange nach der Tat erfahren und sei entsetzt gewesen. Sie habe weder diesen noch die weiteren, von denen sie immer erst im Nachhinein erfahren habe, gebilligt. Zu einer Entschuldigung, oder Beileidserklärung gegenüber den Angehörigen konnte sie sich aber nicht durchringen. Mit ihrer Erklärung verfolgte sie strikt ihre Reinwaschungsstrategie. Trotzdem ließen einige ihrer Ausführungen aufhorchen. Der Name NSU sei erst entstanden, so Zschäpe, als 1000 Euro an die Nazizeitung »Der Weiße Wolf« gespendet wurden. Die Danksagung an den NSU im Vorwort der nächsten Ausgabe war dann auch die erste öffentliche Erwähnung der Gruppe.

Der Mord an Michele Kiesewetter und der Mordversuch an ihrem Kollegen Martin Arnold seien verübt worden, weil ihre Waffen Ladehemmungen gehabt hätten. Der Grund für die Tat in Heilbronn sei also die Besorgung von Waffen gewesen. Eine Erklärung, die mehr als fragwürdig ist.

Zschäpe machte auch keine Aussagen zu Unterstützern des NSU. Vielmehr schob sie die Morde, Anschläge und Überfälle allein Mundlos und Böhnhardt zu. Lediglich bei den Überfällen sei ihr gesagt worden, dass die beiden jetzt wieder »Geld beschaffen« gehen.

Die Verteidigungsstrategie von Ralf Wohlleben sah anders auch. Der auffälligste Unterschied lag bereits in der Form. Er verlas seine Erklärung selbst. Doch was er dann von sich gab, war ebenfalls die Erklärung eines Unschuldslamms. Er sei zwar national, lehne aber Gewalt grundsätzlich ab. Außerdem habe er nichts gegen Ausländer. Im Unterschied zu Beate Zschäpe wandte er sich auch direkt an die Angehörigen und drückte sein Mitleid und Bedauern aus. Außerdem sagte er aus, dass er zwar eine Pistole besorgt habe, dies aber eine andere Waffe, als die Mordwaffe, gewesen sei. Sie sei viel kleiner gewesen und für einen möglichen Selbstmord gedacht. Beate Zschäpe schilderte er als die nette Bekannte aus der Szene.

Auffallend war, dass beide Tino Brandt schwer belastet haben. Tino Brandt war über viele Jahre der maßgebliche Neonazi in Thüringen. Er baute den Thüringer Heimatschutz als Zusammenschluss verschiedener Kameradschaften auf.

Nachdem 2001 Informationen aufgetaucht waren, dass Tino Brandt für den Thüringer Verfassungsschutz gearbeitet hat, bestritten sowohl er, als auch die NPD diese Vorwürfe. Mitte 2001 gab er dann in einem »Spiegel-Interview« die Zusammenarbeit mit dem Amt zu.

Er soll den Kontakt zu den Abgetauchten gehalten und sie mit Geld versorgt haben. Außerdem habe er immer wieder zum Aufbau von militanten Zellen aufgerufen. Damit ist indirekt der thüringische Verfassungsschutz im Spiel. In der Regel ist es so, dass V-Leute alles, was sie tun, mit dem Amt absprechen müssen. War also der Verfassungsschutz nicht nur über das Abtauchen der Drei informiert, sondern auch über die später folgenden Morde? Im Dezember 2014 wurde Tino Brandt zu fünfeinhalb Jahren Haft wegen Kindesmißbrauchs, Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Förderung von Prostitution verurteilt.

Das Gericht hat nach den Aussagen von Zschäpe und Wohlleben angekündigt, viele offene Fragen zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei etwas Neues herauskommt, ist gering.

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