»Wahre« und »unwahre« Antifa

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geschrieben von Uli Gellermann

Geschichte, wie sie jüngst erfunden wurde

 

Endlich: Die Süddeutsche Zeitung, das Zentralorgan der neuen deutschen Verantwortung in fremden Ländern, hat jüngst »Die wahre Antifa« entdeckt. Unter dieser Überschrift will der SZ-Autor Tim Neshitov der deutschen Geschichte auf einer guten halben Seite auf die Sprünge helfen. »Als die Deutschen nur vergessen wollten«, schreibt der Mann, »jagten Beate und Serge Klarsfeld Altnazis.« Wer sich an die 68er Ohrfeige erinnert, die Beate Klarsfeld dem CDU-Kanzler und Altnazi Kiesinger verpasste, der kann sich bis heute über diese notwendige pädagogische Maßnahme freuen. Aber DIE Deutschen, DIE Antifa, und dann noch die wahre, echte originale, bald wird es auch noch die einzige sein, das ist ein großer Mund voller Anspruch und mit der Wirklichkeit nur entfernt verwandt.

Mann, damals, zur Zeit der Ohrfeige, als der kleine Tim nicht mal als Plan seiner späteren Eltern existierte, da leisteten sich die Deutschen glatt zwei Deutschländer. In dem einen gab es nicht nur keinen Nazi-Kanzler sondern gleich auch einen »Antifaschismus als Staatsdoktrin« wie die Konrad-Adenauer-Stiftung der verblichenen DDR ins Stammbuch schreibt. Im DDR-Deutschland gab es wahrscheinlich deshalb für die Verfolgten des Naziregimes eine Zusatzrente zur Altersrente aus der Sozialversicherung. Im undoktrinären Westen gab es das Bundesentschädigungsgesetz, aus dem fielen die doktrinären Kommunisten natürlich raus und auch die Sinti und Roma, denn denen hatten schon die Nazis asoziale Eigenschaften attestiert. An denen musste man deshalb nichts wieder gutmachen.

Dass Tim Neshitov in der DDR keine »wahre Antifa« sehen kann, das versteht sich: Ist die doch in der Sowjetunion geboren, die gibt es nicht mehr, so wie die DDR, und was es nicht gibt, kann auch nicht wahr sein. Aber im anderen, im westlichen Deutschland, da wohnten damals wie heute »die Deutschen«, gab es da nix Wahres? Der Schriftsteller Günter Grass veröffentlichte 1966 in der FAZ einen offenen Brief an Kiesinger mit dem Appell, dieser solle nicht Kanzler werden. Aber von Grass weiß der ordentliche SZ-Schreiber, dass er später mal Kritik an Israel geübt hat, steht also im Ruch des Antisemitismus, so einem wird wohl jede Wahrheit fehlen. Der Philosoph Karl Jaspers und seine Frau gaben damals aus Protest gegen Kiesingers Kanzlerschaft ihre deutschen Pässe ab. Aber Jaspers lebte in der Schweiz, kann also kein richtiger Deutscher gewesen sein. Auch Heinrich Böll protestierte zu Zeiten, aber nach dem ist heute eine grüne Stiftung benannt, die partout keine Nazis in der Ukraine sehen will.

Einmal, es muss bei den bundesdeutschen -Wahlen 1969 gewesen sein, gab es auf den Plakaten für Kiesinger plötzlich jede Menge Aufkleber, nächtens drauf geklebt, auf denen stand dessen Nazi-Parteibuch-Nummer. Das werden die Unwahren gewesen sein, wer schon das Tageslicht scheut! Später – die NPD hatte sich gegründet, ein Verein von alten und neuen Nazis – gingen die Unwahren sogar körperlich gegen Faschisten vor. Da kann so manches blaue Auge ja nur unecht gewesen sein. Denn »die Deutschen« wollten ja nach Neshitov nur vergessen, da geschieht es ihnen Recht, wenn nun der antifaschistische Straßenkampf im Westen auch vergessen wird. Ach, wären doch die Gummiknüppel, Wasserwerfer und Reiterstaffeln, von der Polizei zum Schutz der NPD aufgeboten, auch unwahr und unecht gewesen.

Richtig echt war dann später der Gauck, der den Klarsfelds ein Bundesverdienstkreuz 1. Klasse umhängte, für ihren Einsatz »gegen Antisemitismus und politische Unterdrückung und für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen.« Ob das Präsidialamt demnächst fliegende Ordens-Ausgabestellen einrichtet? Überall dort, wo Leute heute, aus einem ähnlichen pädagogischen Anliegen wie die Klarsfelds, auch physische Ermahnungen an Nazis ausgeben, könnten doch Beamte ihre Orden bereithalten, damit die Pädagogen nicht 37 Jahre auf das ihnen zustehende Buntmetall warten müssen. Aber die Heutigen sind einfach zu schön, um wahr zu sein.

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