Die »zweite Generation«

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geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

Von Kindern des Widerstands und der Verfolgung

 

Was können wir? So lautet die wichtigste der drei Leitfragen für unseren bevorstehenden Geschichtskongress. Mit den Berichten der Zeitzeugen unserer Gründergeneration konnten wir bisher unsere Geschichtsarbeit lebendig gestalten. Diese Quelle ist nun leider weitgehend versiegt und durch Archivalien nur unvollkommen zu ersetzen. Umso wertvoller sind Berichte und Lebensläufe von Kameradinnen und Kameraden der »zweiten Generation«, zumal, wenn ihre Geschichte unmittelbar an die der ersten Generation anschließt.

Die Landesvereinigung Niedersachsen kann sich glücklich schätzen, in Peter Baumeister einen aktiven Kameraden zu haben, der auf eine solche Familiengeschichte zurückblickt. In ihr spiegeln sich faschistische Verfolgung und Widerstand in Nazi-Deutschland, Flucht und Exil und die Nachkriegsentwicklung in beiden deutschen Staaten:

Sein Vater Alfred (Jahrgang 1907) war Kommunist und in Plauen als Bäcker gewerkschaftlich aktiv. Schon im März 1933 kam er in das KZ Osterstein bei Zwickau, von dort aus 1934 in das Gefängnis in Plauen. Insgesamt war er zwei Jahre inhaftiert. Es gelang ihm, in die Czechoslawakei zu fliehen. Vor dem drohenden Einmarsch der Deutschen ging er nach Großbritannien ins Exil. In beiden Ländern wurde er allerdings als »feindlicher Ausländer« zeitweilig auch interniert.

Seine Mutter Charlotte, geborene Davidson, stammte aus »gutbürgerlichem« Elternhaus. Der Vater führte in Bremenhaven ein gut gehendes Spielzeuggeschäft. Sie legte 1931 in Bremen ihr Abitur ab. Als »Halbjüdin« war sie nach der Machtübergabe an die Faschisten zunehmenden Repressalien ausgesetzt. Auch sie ging deshalb nach England. Charlotte und Alfred lernten sich 1939 in Prestbury, in der Nähe von Manchester, im Deutschen Club kennen und heirateten 1941. 1945 kam unser Kamerad Peter dort zur Welt.

Die zurückgebliebenen Großeltern blieben den Verfolgungen der Nazis ausgesetzt: 1938, in der Reichspogromnacht, wurde das Geschäft Kurt Davidsons zerstört und er selbst nach Sachsenhausen verschleppt. Als Ehemann in einer »geschützten Mischehe« entging er später weiterer Lagerhaft. Er fand Arbeit in verschiedenen Firmen und landete in Stade. Lina, die Großmutter Baumeister, erlitt einige Monate Haft Ravensbrück.

Das junge Paar siedelte 1947 von England nach Stade über. Alfred Baumeister fand Arbeit als Bote in der Stadtverwaltung. In der VVN wurde er aktiv und war Mitglied im Landesvorstand. Sein Auftreten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik auf einer Personalversammlung führte zu seiner Entlassung. Als Arbeiter auf einem Bauhof wurde ihm bei einer Auseinandersetzung mit einem Angehörigen der Waffen-SS das Nasenbein gebrochen. Zuletzt suchte er sein Auskommen durch den Betrieb einer fahrbaren Leihbücherei. Er verstarb 1963 mit gerade einmal 55 Jahren. Zusammen mit seiner Mutter Lina erhielt er in Plauen als Opfer des Faschismus ein Ehrengrab.

Peters Mutter Charlotte war lange als Kreisvorsitzende in Stade in der VVN aktiv und gehörte auch dem Landesvorstand an. Besonders die Arbeit mit Kindern machte ihr Spaß, so war sie u.a. mit Gertrud Schröter, unserer langjährigen Landesvorsitzenden, bei »Frohe Ferien für alle Kinder« tätig, einer Aktion, durch die bedürftigen Kindern Ferien in der DDR ermöglicht wurden. Viele der Organisatorinnen und Organisatoren, darunter auch unsere verstorbene Kameradin Elfriede Kautz, wurden deshalb wegen »staatsgefährdendem Nachrichtendienst« angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. An der Herausgabe und Gestaltung einer VVN-Zeitung für junge Menschen wirkte sie aktiv mit.

Unser Kamerad Peter blieb seiner Familiengeschichte treu: Zunächst war da die Ostermarschbewegung, die die organisatorischen Talente des Jugendlichen in Stade herausforderten. An einen Auftritt mit Beate Klarsfeld auf dem Stader Pferdemarkt erinnert er sich noch lebhaft! Er gründete die »junge Linke« und einen Republikanischen Club und wurde Mitglied der KPD und später der der DKP.

Nach dem Abitur in Stade studierte er in Lüneburg und war danach insgesamt 38 Jahre als Lehrer an Hauptschulen tätig, zuletzt in Peine. Seit über 20 Jahren ist er dort Kreisvorsitzender der VVN/BdA und kassiert zurzeit fast 60 Mitglieder. Er ist kommunalpolitisch aktiv, lange Jahre als Ratsherr im Peiner Stadtrat. Derzeit nimmt er ein Mandat für Bündnis90/Die Grünen im Peiner Kreistag und im Ortsrat Dungelbeck wahr. Seit 40 Jahren ist er in der GEW aktiv und stellvertretender Vorsitzender des DGB in Peine. Auch im örtlichen Sportverein ist er präsent.

In unserem Landesvorstand kümmert er sich um die Mitgliederbetreuung und ist uns mit seinem großen Erfahrungsschatz unentbehrlich.

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